Samstag, 15. August 2020

»Gehe hin und verkünde es vom Berge« von James Baldwin


James Baldwin



»Gehe hin und verkünde es vom Berge«, 1953 erschienen, ist der Debütroman des afroamerikanischen Schriftstellers James Baldwin. In seinem ersten Roman schildert der afroamerikanische Schriftsteller die Auseinandersetzung des vierzehnjährigen John Grimes mit seinem Stiefvater, dem Laienprediger Gabriel Grimes, der mit seiner zweiten Frau Elizabeth und drei Kindern in Harlem lebt.

In die Darstellung der persönlichen und religiösen Krise Johns an seinem vierzehnten Geburtstag, die mit seiner "Erlösung" und "Rettung" während des abendlichen Gottesdienstes in einer Evangelisten-Kirche, dem "Tempel der Feuergetauften" endet, sind zahlreiche Rückblenden eingefügt, in denen das frühere Leben der ebenfalls in der Kirche anwesenden Hauptgestalten, im Mittelpunkt vor allem das von Gabriel, Elisabeth und Florence, der älteren Schwester von Gabriel, erzählt wird. Die an diesem Abend nur mäßig versammelte religiöse Gemeinde von Harlem widmet sich ihren Gesängen, Gebeten, Anrufungen und Fürbitten und alle warten sie darauf, dass der anwesende John seinen Stolz und seine Zweifel ablegt und überwindet und sich der Gemeinde der wiedergeborenen Gläubigen anschließt.

Das Dilemma, in dem der junge John sich befindet, beruht darin, dass er in seinem Hass nicht so sein will wie sein Vater und seine Vorfahren und sich gegen seine Umgebung, die ihn zu einem Prediger wie sein Vater bestimmt hat, zur Wehr setzt. Die Welt, die John als Vermächtnis auf sich nehmen muss, ist die des Ghettos in Harlem, die Welt der Neger im Norden der USA, die sich im Roman zum einem verwirklicht in der Unmittelbarkeit des religiösen Gefühls, der Sprache de Bibel und einer Gemeinde von "Geretteten", die die zur Sühne und Bekehrung Bereiten zum Heil durchbringen, voll der musikalischen Tradition, die in Gospelsong ihren stärksten Ausdruck fand.

Gleichzeitig ist sie aber auch eine Welt der Armut, des Leidens, des Fatalismus, der zwanhghaften Selbstkasteiung, der radikalen Trennung von Körper und Seele, der Dämonisierung und Verachtung des Weltlichen und Profanen und einer anmassenden Überhöhung religiöser Werte, der niemand auf die Dauer gewachsen ist. John spürt diese Ambivalenz und die Zweifel in sich. Wenn er auf seinem Lieblingshügel im Central Park steht und auf die Stadt New York runterblickt, erinnert er sich an die Worte seiner Eltern, für die diese Stätte ein Ort der Verdammnis ist, ein Hindernis auf dem schmalen Pfad, der zur ewigen Seligkeit führt. Und doch hat John kein Verlangen nach dem schmalen Pfad, den alle seine Angehörigen wandelten: "Auf diesem schmalen Pfad, dem Weg des Kreuzes, erwarteten ihn nur Demütigungen; dort erwartete ihn eines Tages ein Haus wie das seines Vaters, eine Kirche wie die seines Vaters, und eine Arbeit wie die seines Vaters, und er würde darüber alt und grau werden unter Entbehrungen und Mühsal. Der Weg des Kreuzes hatte seinem Vater einen knurrenden Magen und seiner Mutter gebeugte Schultern eingebracht."

So bleibt auch seine "Rettung" im Schlussteil des Buches widersprüchlich. Sie ist in ihrer ganzen Macht intensiv dargestellt, das Abgleiten in die Finsternis, das Erscheinen Gottes, das Gefühl der Befreiung, die unaussprechliche Freude. Im gleichen Moment aber ist sich John des Preises, den er für diese Erlösung zu zahlen hat, bewusst, nämlich den Verlust seines individuellen Lebens. Auch stellt er enttäuscht fest, dass seine "Rettung" ihm nicht die Sprache gegeben hat, seine Mutter nun wirklich zu verstehen und sich mit seinem Vater zu versöhnen.

In dem Vater-Sohn-Konflikt wird ein zentrales Thema von Baldwin berührt, Gewalt und Männlichkeit in den familiären Strukturen. Wie Baldwin selbst, ist John ein uneheliches Kind. Dies und die Kränkung, mit seinen "Froschaugen" als hässlich zu gelten, macht ihn zu einem Außenseiter auch innerhalb der Familie. Eindringlich werden die Demütigungen und die Gefühle der Ohnmacht und Unterlegenheit in dem väterlichen Milieu beschrieben. Der Laienprediger Gabriel, der in der religiösen Gemeinde ein ehrbares und geachtetes Mitglied ist, ein Vorbild sogar, ist in seinem eigenen Heim eine gefürchtete Autoritätsperson, der seine ungehorsamen Söhne und seine Ehefrau mit Schlägen malträtiert und erzieht. Dieser Widerspruch zwischen dem Anspruch ein gottgefälliges Leben zu führen und einem Zustand des "Heils" das keine erkennbaren Früchte trägt wird John schon sehr früh bewusst und zieht auch die scharfe Kritik von Florence, der Schwester von Gabriel, herauf. Während sich John in der gottesdienstlichen Andacht am frühen Morgen in einem ekstatischen Zustand befindet, wo er zwischen Verdammnis in der ewigen Finsternis und der Rettung im göttlichen Licht ringt, erinnert er sich verschwommen daran, wie sein Vater ihm mit Prügeln drohte, weil er gesündigt hatte, da er "wie einst der verfluchte Sohn Noahs, die abstoßende Blöße seines Vaters" gesehen hat. Sein hoch stehender Vater, der "Gesalbte des Herrn", wird mit dem wachsamen Blick und dem aufmerksamen Hören des Sohnes seines weißen Gewandes entzogen und als fleischlicher, lüsterner und sündiger Mann entlarvt: "Ich hab dich gehört - die ganze Nacht lang. Ich weiß, was du schwarzer Kerl im Dunkeln machst, wenn du glaubst, der Sohn des Teufels schläft. Ich hab dich gehört, wie du gekeucht hast, gestöhnt hast und fast erstickt bist - und ich hab gesehen, wie du dich bewegt hast, auf und ab und rein und raus. Ich bin nicht umsonst der Sohn des Teufels."

In den Rückblenden wird der komplexe Zusammenhang von Gabriels Stolz und Schuld, der Konflikt von Geist und Körper noch ausführlicher erzählt: sein anrüchiges und sündiges Leben im Süden vor seiner Bekehrung, seine geschwisterähnliche, reine, unerfüllte Ehe mit Deborah, die als junges Mädchen von einer Horde von Weißen Männer vergewaltigt wurde, die keine Früchte tragen wird und seine außereheliche Affäre mit der sinnlichen, aber nicht frommen Esther, die er verstoßen wird und aus der ein unehelicher Sohn hervorgehen wird, der wiederrum ein blutiges Ende finden wird.

Für die religiöse Wandlung und Bekehrung von Gabriel hat die ältere Schwester Florence zunächst nur Spott und Unverständnis übrig. In ihrem unbändigen Verlangen nach Unabhängigkeit und ihrem unbeugsamen Gerechtigkeitssinn verlässt sie als junge Frau ihre kranke, im Bett liegende Mutter, ihren Bruder und den verhassten, rassistischen Süden und zieht nach New York, wo sie eine Ehe mit Frank, einem gewöhnlichen, farbigen Arbeiter, der zuviel trinkt und sein verdientes Geld gleich wieder ausgibt, eingeht.

Die Ehe scheitert und Frank wird im Ersten Weltkrieg als Soldat fallen. An diesem für John so wichtigem Tag in der Evangelisten-Kirche schaut auch Elisabeth auf ihr Leben zurück. Gemeinsam mit ihrem Freund Richard zieht auch sie in den Norden, voller positiver Erwartungen und Hoffnungen, aber auch ihr Stolz und ihre Zuversicht werden gebrochen und sie erkennt sehr schnell, dass es zwischen Norden und Süden keinen großen Unterschied gibt, "es gab nur einen Unterschied: der Norden versprach mehr."

Richard und Elisabeth werden mit Rassismus und den Folgen der Rassentrennung konfrontiert, Richard landet unschuldig im Gefängnis, erlebt dort Gewalt und Demütigungen, wird entlassen und schneidet sich nach dieser Schmach und Erniedrigung die Pulsadern auf. Elisabeth versäumt es, ihrem Freund zu sagen, dass sie von ihm schwanger ist (mit John) und nach Richards Selbstmord empfindet sie nur noch Wut und Hass auf diese Welt der Weißen, ihr herablassendes, diskriminierendes und gerinsschätziges Verhalten den Schwarzen gegenüber.


Diese Rückblenden lassen sehr schnell erkennen, dass in diesen individuelen Lebenswegen und Konflikten etwas Entscheidendes über das Schicksal der Schwarzen im Allgemeinen in den Vereinigten Staaten berichtet wird. Der Roman macht auch deutlich, dass die religiöse Welt und die religiöse Srache, die hier zum Ausdruck kommt für die Fabrigen in den Ghettos der amerikanischen Großstädte eine Möglichkeit der Selbsbestimmung, der Identität und Befreiung boten, die aber gleichzeitig einen Zwangscharakter aufweisen, der die Farbigen in neue Ghettos einschließt, in die religiöse Gruppe der von Gott Geretten und Erwählten.

James Baldwin hat ein unglaublich aufwühlendes, wuchtiges Werk geschaffen, einen Roman von sprachlicher Gewalt und Intensität, voll Zorn und Mitgefühl. Der Debütroman ist ein weiterer Beweiss für Baldwins lebensbejahende Einstellung, seine Weigerung Mißstände hinzunehmen und seine kämpferische Natur. Er schildert die Schwierigkeien des Individuums, seine eigene Identität aufgrund von Hautfarbe und Sexualität in Einklang zu bringen mit dem sozialen Umfeld. Er zeigt eine Welt voller Konflikte, im familiären, rassischen, sexuellen und religiösen Bereich.


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