Mittwoch, 31. Oktober 2018

»Die Zeitmaschine« von Herbert George Wells

Herbert George Wells veröffentlichte 1895 seine düstere Utopie »Die Zeitmaschine«, die Geschichte eines Forschers, der sich eine Maschine baut, mit der er in die Zukunft reist, wo sich alles zum vermeintlichen Übel gewendet hat. Wells, der auch Historiker und Soziologe war, hatte seine größten Erfolge mit den beiden Science-Fiction-Romanen »Der Krieg der Welten« und »Die Zeitmaschine«. Entstanden ist ein Roman wider dem blinden Fortschrittsoptimismus der viktorianischen Zeit.

»Die Zeitmaschine« erzählt die Geschichte des englischen Zeitgenossen, der mit Hilfe einer eher simpel konstruierten Maschine in der Zeit vorwärts und rückwärts reisen kann und letztlich im Jahre 802.701 hängenbleibt, begeistert immer noch, und das trotz eher schlichter technischer Vorstellungen oder leicht angestaubter Sprache. Gebannt von Wells Erzählkraft erlebt man die Welt der Eloi und Morlocks, in der die einen das - durchaus wörtlich zu nehmende - Futter der anderen sind. Und man erlebt den Einfluß eines verblüfften Zeitreisenden auf diese Welt, verursacht durch seine ergreifende Liebesbeziehung mit einer Eloi.

Der Reisende, wie der Held des Romans genannt wird, trifft nur auf auf kleine menschenähnliche Wesen, die Eloi, deren Sprache äußerst primitiv ist und deren alleiniges Vergnügen darin besteht den ganzen Tag zu schlafen, zu spielen oder die von den Bäumen hängenden Früchte zu essen. Ein scheinbares Paradies, das sich der Reisende aber anders vorgestellt hatte. Doch als die erste Nacht herein bricht, verhalten sich die Eloi seltsam. Sie wirken verängstigt und ziehen sich zum Schlafen in eines der alten Gebäude zurück. Bald muss der Reisende den Grund für dieses merkwürdige Verhalten erfahren, die Morloken, eine unter der Erde lebende Kreatur mit roten Augen, die sich nicht von Früchten ernährt, sondern von Fleisch - dem Fleisch der Eloi.


Herbert George Wells

»Die Zeitmaschine«, im Jahr 1895 erschienen, ist die kühnste und poetisch reifste Leistung des genialen Visionärs Wells. Es ist sehr beeindruckend, dass Wells schon zu damaliger Zeit, vor über 100 Jahren, einen auch noch für den heutigen modernen Menschen spannenden und keineswegs veralteten Science-Fiction Roman verfasst hat. So war er beispielsweise seiner Zeit weit vorraus, wenn er sich in seinem Buch auf die vierte Dimension, die Zeit, bezieht, die wissenschaftlich erst noch von Einstein erforscht wurde.

Auch seine überraschende Zukunftsdarstellung des Jahres 802701 ist ein Beweis für die Phantasie und den Einfallsreichtum von H.G. Wells. In der Zukunft angekommen trifft der Reisende nicht etwa auf eine hochtechnisierte Gesellschaft, die alle Wissenschaften perfektioniert hat und ihm die Antworten auf all seine Fragen geben könnten, sondern findet sich plötzlich in einem paradisischen Garten wieder, in dem die Früchte an den Bäumen hängen und nur noch vereinzelte schon verfallene alte Bauten stehen. Die Zivilisation scheint verschwunden zu sein.

Wells wollte seine Landsleute mit seinen düster-utopischen Werken aus ihrer viktorianischen Selbstgerechtigkeit aufschrecken, Kritik am Imperialismus üben und vor blinden Fortschrittsoptimismus warnen. »Die Zeitmaschine« wurde richtungsweisend für die literarische Gattung der Gegenutopie und damit für eine Reihe von Werken, die aus der literarischen Landschaft des 20. Jahrhunderts nicht wegzudenken sind, etwa Zamjatins »Wir«, Aldous Huxleys »Schöne neue Welt«, Orwells »1984« und Bradburys »Fahrenheit 451«.

Weblink:

Herbert George Wells-Biografie


Literatur:

Die Zeitmaschine
Die Zeitmaschine
von Herbert George Wells

Samstag, 27. Oktober 2018

»Das Geisterhaus« von Isabel Allende


Das Geisterhaus
Das Geisterhaus

Mit 80 Jahren läßt Esteban sein Leben Revue passieren. Er erinnert sich an den Tod seiner ersten Braut, die Liebe seiner Frau Clara, die Eigensinnigkeit seiner Tochter Blanca und an den Revolutionär Pedro, der sich ausgerechnet in Blanca verliebt. Und natürlich an den unehelichen Sohn Esteban, der das Unglück über die Familie bringt.

Esteban Truba ist zum Großgrundbesitzer und Politiker in Chile aufgestiegen. Die Familie, darunter seine Schwester Férula, aber auch seine Frau Clara, hat unter der harten Hand des Despoten gelitten. Im Alter wird dem Patriarchen der Hass seines unehlichen Sohnes Esteban zum Verhängnis. Viel zu spät ändert sich Truba, der die schlimmsten Niederlagen seines Lebens durch die von ihm selbst vorangetriebene politische Entwicklung, die zur Ermordung des Präsidenten Allendes führte, erleben muß.

Der aus bescheidenen Verhältnissen stammende Esteban Trueba arbeitet jahrelang in einer Goldmine, um seiner reichen Verlobten Rosa ein standesgemäßes Leben bieten zu können. Mit einem bescheidenen Vermögen in der Tasche will er sie endlich zum Altar führen, doch Rosa erliegt genau an diesem Tag einem Giftattentat, das eigentlich ihrem Vater Severo galt. Aus Trauer über ihren Tod zieht Esteban sich in die Wildnis zurück, wo er die marode Hazienda "Tres Marías" ehrgeizig wieder zur Blüte führt.

Das Geisterhaus
Das Geisterhaus


Zu Reichtum und Ansehen gekommen, findet er in Rosas jüngerer Schwester Clara, einer sanftmütigen Frau mit übersinnlichen Fähigkeiten, seine große Liebe. Clara verbindet aber auch eine intime Seelenverwandtschaft mit Estebans Schwester Férula, bis der Patriarch die Unglückliche in wilder Eifersucht aus dem Haus jagt. Seine hartherzige Haltung gegenüber seiner Tochter Blanca, die den jungen Revolutionär Pedro liebt, führt zum Bruch mit Clara, die viele Jahre nicht mehr mit Esteban sprechen wird.

Durch seinen wirtschaftlichen Erfolg beflügelt, bestimmt dieser als erzkonservativer Senator nun die Geschicke des Landes, bis er den Generälen die Möglichkeit zum Militärputsch eröffnet und schließlich von den Ereignissen überrollt wird. Seine Tochter Blanca wird verhaftet und ausgerechnet von seinem unehelichen Sohn Esteban García gefoltert, der sich der Militärjunta angeschlossen hat und so den Hass auf seinen Vater auslebt. Für den gebrochenen Patriarchen wird es Zeit zum Umdenken.

Aufwendige Verfilmung des Weltbestsellers von Isabell Allende durch den deutschen Produzenten Bernd Eichinger (“Die unendliche Geschichte”) und Palmen-Abonnent Bille August (“Pelle der Eroberer”). Ein außergewöhnliches Staraufgebot macht diesen Film zu einem Ausnahme-Ereignis. 3,7 Mio. Kino-Besucher waren begeistert.


Weblink:

Das Geisterhaus
Das Geisterhaus
von Isabel Allende

Freitag, 26. Oktober 2018

»Herbsttag« von Reiner Maria Rilke



Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

»Herbsttag« von Reiner Maria Rilke


Gedichte:

Die schönsten Gedichte - Rainer Maria Rilke
Die schönsten Gedichtee
von Rainer Maria Rilke

Die schönsten Gedichte
Die schönsten Gedichte
von Rainer Maria Rilke

Donnerstag, 18. Oktober 2018

»Herbstbild« von Friedrich Hebbel



Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

»Herbstbild« von Friedrich Hebbel

Sonntag, 14. Oktober 2018

»Der Held im Pardelfell« von Schota Rustaweli


Der Held im Pardelfell

»Der Held im Pardelfell*« ist eine 900 Jahre alte Sage georgische Sage von Schota Rustaweli. Über Jahrhunderte mündlich überliefert, prägend für das Selbstverständnis eines ganzen Landes und dabei eine zauberhafte Liebes- und Heldengeschichte. Es geht um alten Recken, Mutproben, Liebe und eine verschleppte Prinzessin.

Der Dichter Schota Rustaweli verfasste die Verse um das Jahr 1200, als Georgien unter der Herrschaft von Königin Tamar zur Großmacht wurde – bis die Mongolen dieser Blütezeit ein jähes Ende bereiteten. Umso wichtiger wurde für die Georgier das Epos aus besseren Zeiten und dies bis heute.

Märchenhaft und faszinierend fremdländisch klingen sie, die Namen der Helden in diesem Buch: Tinatin und Awtandil, Nestan-Daredschan und Tariel. Zwei Liebespaare, deren Schicksale sich auf unvorhergesehene Weise kreuzen und bedingen. Die beiden Frauen verlieben sich ebenso heftig in die Helden wie diese in sie, jedoch stellen beide Bedingungen, und so müssen Awtandil und Tariel erst harte Prüfungen bestehen und Siege erringen, bevor sie ihre Geliebten wirklich erobert haben.


Der Übersetzer Tilman Spreckelsen und die geniale Buchillustratorin Kat Menschik haben sich das georgische Nationalepos vorgenommen und daraus ein modern erzähltes und fabelhaft illustriertes Buch gemacht.

Kat Menschik schwelgt in der mittelalterlichen, aber auch orientalischen Atmosphäre und erweckt in ihren Bildern die alten Recken zu neuem Leben. Und Tilman Spreckelsen zieht uns mitten hinein in das Drama um Awtandil und seinen Freund Tariel, den unglücklich Liebenden im Pardelfell.

Literatur:

Der Held im Pardelfell: Eine georgische Sage
Der Held im Pardelfell
von Schota Rustaweli


* = Leopardenfell

Donnerstag, 11. Oktober 2018

»Der Recke im Tigerfell« von Schota Rustaweli



»Der Recke im Tigerfell« ist eine georgische Sage von Schota Rustaweli. Diesen Dichter aus dem 12. und 13. Jahrhundert kennt in Georgien jeder.

Shota Rustawelis »Recke im Tigerfell«, weithin als das Nationalepos Georgiens anerkannt und seit 2013 in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen, ist ein in vielerlei Hinsicht bemerkenswertes Werk. Am Übergang vom 12. zum 13. Jahrhundert und damit etwa 800 Jahre nach Beginn der georgischen Schriftlichkeit entstanden, markiert es eine scharfe Abkehr weg von dem christlich-orthodox determinierten, im Wesentlichen theologisch ausgerichteten Schrifttum, das die altgeorgische Periode bis dahin prägte.

Auch Shota Rustawelis Werk kann seinen christlichen Hintergrund nicht verleugnen; es ist jedoch zugleich durch andere Strömungen gekennzeichnet, die sich im damaligen Georgien begegneten: zum einen eine lebhafte Auseinandersetzung mit der antiken griechischen Philosophie, die vielfach als die "georgische Renaissance" bezeichnet worden ist, und zum anderen der allgegenwärtige Einfluss persisch-islamischer Kultur, einschließlich der durch Autoren wie Firdousi oder Nizami vertretenen Dichtkunst.


Das Epos aus dem 12. Jahrhundert bietet ein Kaleidoskop an Helden und tragischen Geschichten, es verbindet Osten und Westen auf magische Weise. Erzählt wird die Geschichter zweier Liebespaare, die dank Heldenmut verschiedenste Abenteuer überstehen und so ihr eigenes Glück finden, um am Ende auch ihr Land zu Wohlstand zu führen. Das Werk wurde 2013 zum Weltdokumentenerbe erklärt.

Über die Person Shota Rustawelis ist, der Bedeutung seines Werkes zum Trotz, erstaunlich wenig Sicheres bekannt. Man wird jedoch nicht weit fehlgehen, wenn man seine Lebenszeit auf etwa die Jahre 1172 bis 1216 ansetzt. Die letzten Jahre seines Lebens dürfte der Dichter nicht in Georgien, sondern im Kreuzkloster in der Nähe von Jerusalem verbracht haben, das im 11. Jahrhundert von Georgiern erbaut worden war.

Literatur:

Der Held im Pardelfell: Eine georgische Sage
Der Recke im Tigerfell
von Schota Rustaweli

Der Held im Pardelfell: Eine georgische Sage
Der Recke im Tigerfell
von Schota Rustaweli

Samstag, 6. Oktober 2018

»Beale Street Blues« von James Baldwin



»Beale Street Blues« von James Baldwin - benannt nach der Beale Street, einem Vergnügungsviertel von New Orleans, welche in dem Roman als Metapher für Amerika steht. Der Roman ist nämlich eigentlich eine »Harlem Love Story« - eine junge Liebe gegen die Willkür einer weißen Justiz. Er ist nun  in einer Neuübersetzung erschienen.

Der Roman erzählt die Geschichte von Tish und Fonny, 19 und 22, und ihrem Kampf gegen die Willkür einer weißen Justiz. Der traurig-schöne Song einer jungen Liebe, voller Wut und doch voller Hoffnung. Ist das Gefängnissystem die Fortsetzung der Sklaverei unter anderen Vorzeichen? Beale Street Blues von James Baldwin strahlt grell in unsere Gegenwart.


Beale Street

Einem Schwarzen widerfährt furchtbares Unrecht, nur weil er eben schwarz ist. Unschuldig sitzt er im Gefängnis. Erschreckend, dass der Roman genau so gut in der heutigen Zeit spielen könnte, denn die Diskriminierung Schwarzer ist unverändert ein großes Problem in den Staaten, die Gefängnisse sind mit unverhältnismäßig vielen schwarzen Gefangenen überfüllt, ständig sehen sogar wir in den europäischen Nachrichten, wie wieder Schwarze von Polizisten erschossen wurden, lediglich, weil sie schwarz sind.

»Jeder in Amerika geborene Schwarze ist in der Beale Street geboren. Die Beale Street ist unser Erbe. Dieser Roman handelt von der Unmöglichkeit und von der Möglichkeit, von der absoluten Notwendigkeit, diesem Erbe Ausdruck zu geben. Die Beale Street ist eine laute Straße. Es bleibt dem Leser überlassen, aus dem Schlagen der Trommeln den Sinn herauszuhören.« James Baldwin

»Beale Street Blues« ist auch die Liebesgeschichte zweier getrennter Menschen: er im Gefängnis, sie zwar frei aber schwanger und gewissermaßen ebenfalls gefangen in der sie verachtenden Familie. Interessant: die nicht ganz so schwarzen Mitglieder der Familie betreiben quasi Diskriminierung im kleinen.


James Baldwin hat »If Beale Street Could Talk«, so der Originaltitel, 1973 in Südfrankreich geschrieben, nachdem er miterlebt hat, wie einer seiner Freunde unschuldig eines Mordes verdächtigt wurde und sechs Jahre im Gefängnis saß, bis die Anklage fallen gelassen wurde. Etwas, das zu der damaligen Zeit nicht selten war, wenn man die „falsche“ Hautfarbe hatte.

Das Buch stammt aus den 70er Jahren und ist heute so aktuell wie damals. Vorschnell gefällte Urteile, Rasismus, Diskriminierung von Frauen, Gewalt gegen Frauen passen auch in die heutige Zeit.

Das Werk ist kein einfacher Roman. Er wird nicht geradlinig erzählt, er bricht Erzählstrukturen, hat durchaus langatmige Stellen und an und für sich erzählt er gar wenig. Ein Spannungsbogen ist so gut wie nicht vorhanden, denn dieser Roman will nicht unterhalten – er will etwas zeigen. Die Welt einer Gruppe von Menschen, die von anderen als weniger wichtig eingestuft wurden. Menschen, die um ihre Position im Leben kämpfen und dies auch innerhalb ihrer Gruppe. Menschen, für die Familie und Freunde alles sind. Menschen, die sich in ihrer Zugehörigkeit teilweise eingesperrt fühlen.

Der 1987 verstorbene Autor erfährt in den Staaten seit Jahren eine Renaissance, er war übrigens der erste schwarze Künstler auf dem Cover des »Time Magazine«.

Literatur:


Beale Street Blues
von James Baldwin

Weblink:

Beale Street Blues von James Baldwin | dtv - www.dtv.de


Video:

Beale Street Blues James Baldwin