Donnerstag, 30. November 2017

Jonathan Swift 350. Geburtstag

Jonathan Swift

Der Geburtstag von Jonathan Swift jährt sich am 30. November zum 350. Mal. Jonathan Swift wurde am 30.November 1667 in Dublin im Königreich Irland geboren. Swift war ein anglo-irischer Schriftsteller und Satiriker der frühen Aufklärung.

Sein Roman »Gullivers Reisen« wurde 1726 veröffentlicht. Lange Zeit hauptsächlich als Kinderbuch angesehen, und in gekürzten Ausgaben seiner Satire beraubt, ist es oft unterbewertet. In einer Art Robinsonade beschreibt Swift die Reisen Gullivers in verschiedene Länder, deren belächelte Eigenheiten der Aufklärer als scharfe Spitzen gegen die englische herrschende Klasse, die Royal Academy und die Menschennatur allgemein nutzt.



Er schrieb danach mehrfach gegen die Zustände im englisch regierten Irland. Seine bekannteste Satire ist A Modest Proposal, worin er zur Beseitigung der Überbevölkerung, Armut und Kriminalität vorschlägt, irische Babys als Nahrungsmittel zu nutzen und durch Export Profit daraus zu schlagen.

Der Autor galt als ein übler Zyniker und Menschenhasser und aus heutiger Sicht auch als ein Frauenhasser und Rassist.

Jonathan Swift starb am 19. Oktober 1745 in Dublin.

Literatur [ >> ]:

Gullivers Reisen
Gullivers Reisen
von Jonathan Swift

Gullivers Reisen
Gullivers Reisen
von Jonathan Swift

Samstag, 25. November 2017

»Tyll« von Daniel Kehlmann


Tyll

»Tyll« heisst der neue Roman des Erfolgsautors Daniel Kehlmann. Daniel Kehlmann hat seinen »Tyll« in das Deutschland des Dreißigjährigen Krieges verpflanzt. Tyll ist eine Geschichte aus dem Dreißigjährigen Krieg und dem Zeitalter des Barock, ein Epos vom Dreißigjährigen Krieg, aber er ist kein Schelmenroman. »Tyll« ist eine Zeitchronik aus dem Mittelalter. Der Roman erzählt die Eulenspiegel-Geschichte, in der die Politik hineinreicht, so daß das Sittenbild einer Epoche entsteht. »Tyll« ist nicht nur kein Schelmenroman, sondern vielleicht nicht einmal ein Till-Eulenspiegel-Roman.

Der Roman ist die Neuerfindung der mythischen Till-Eulenspiegel-Figur. Es ist ein großer Roman über eine aus den Fugen geratene Welt, über die Verwüstungen durch den Krieg und die Macht der Kunst.Daniel Kehlmanns fabulöser Roman "Tyll" treibt ein munteres Spiel mit Realität und Fiktion - rund um den Gaukler Till Eulenspiegel. Ein Meisterwerk der Sprache, der Bilder und der Phantasie.


Tyll Ulenspiegel - Vagant und Schausteller, Entertainer und Provokateur - wird zu Beginn des 17. Jahrhunderts in einem Dorf geboren, in dem sein Vater, ein Müller, als Magier und Welterforscher schon bald mit der Kirche in Konflikt gerät. Tyll muss fliehen, die Bäckerstochter Nele begleitet ihn. Auf seinen Wegen durch das vom Dreißigjährigen Krieg verheerte Land begegnen sie vielen kleinen Leuten und einigen der sogenannten Großen: dem jungen Gelehrten und Schriftsteller Martin von Wolkenstein, der für sein Leben gern den Krieg kennenlernen möchte, dem melancholischen Henker Tilman und Pirmin, dem Jongleur, dem sprechenden Esel Origines, dem exilierten Königspaar Elizabeth und Friedrich von Böhmen, deren Ungeschick den Krieg einst ausgelöst hat, dem Arzt Paul Fleming, der den absonderlichen Plan verfolgt, Gedichte auf Deutsch zu schreiben, und nicht zuletzt dem fanatischen Jesuiten Tesimond und dem Weltweisen Athanasius Kircher, dessen größtes Geheimnis darin besteht, dass er seine aufsehenerregenden Versuchsergebnisse erschwindelt und erfunden hat. Ihre Schicksale verbinden sich zu einem Zeitgewebe, zum Epos vom Dreißigjährigen Krieg. Und um wen sollte es sich entfalten, wenn nicht um Tyll, jenen rätselhaften Gaukler, der eines Tages beschlossen hat, niemals zu sterben.

Um von der Zeit erzählen zu können, braucht der Autor eine Figur, die viel im Land herumkommt. Es musste eine fahrende Figur sein. Dieser Tyll ist eine Figur aus dem fahrenden Volk, die herumkommt und die Geschichten aus dem Dreißigjährigen Krieg erzählen kann.

Der Till Eulenspiegel ist nicht als ausgewiesener Narr herumgezogen, tatsächlich war er seinen Mitmenschen an Geisteskraft, Durchblick und Witz überlegen. Eulenspiegels Streiche ergaben sich meist daraus, dass er eine bildliche Redewendung wörtlich nahm. Er verwendete dieses Wörtlichnehmen als ein Mittel, die Unzulänglichkeiten seiner Mitmenschen bloßzustellen und seinem Ärger über Missstände seiner Zeit Luft zu machen.


Ein Meisterstück (…). Was ist das nur für ein unerschöpfliches Buch und was für ein grossartiger Stoff. (…) Es ist überdies der aussergewöhnlichste Europa-Roman seit vielen Jahren (…). Nicht zuletzt aber handelt es sich um ein phantastisches Geschichtenbuch, es ist grosses Theater, es ist Kino und Dichtung in einem. (…) wir sehen Daniel Kehlmann auf der Höhe der Kunst. Roman Bucheli, Neue Zürcher Zeitung

Detailkundig, sprachmächtig und kunstfertig ist dieser Roman, vielleicht Kehlmanns bestes Buch seit der »Vermessung der Welt«. Aber anders als die erzählte Geschichte der deutschen Weltvermessers im Geist und in der Wirklichkeit, Gauß und Humboldt, ist das neue Werk ein – ja – zu Herzen gehendes, lebensvolles, wundervoll undistanziert geschriebenes, brutales, modernes, romantisches deutsches Epos. Ein Roman in acht Geschichten, erzählt in acht historischen Szenenbildern.

Der historische Till (oder Dil oder Dyl) Eulenspiegel soll um 1350 in Mölln begraben worden sein. Von den oft derben Streichen, Schwänken und Späßen des Vaganten Till erzählt erstmals die um 1510 in Straßburg veröffentlichte Sammlung „Ein kurtzweilig lesen von Dil Uilenspiegel“, die dann ein Volksbuch wurde. Ihre Autorschaft ist bis heute nicht abschließend geklärt, die Figur hat sich seitdem weitgehend von ihrer Herkunft abgelöst. Man hat sie, je nach Interesse, in neue historische Kontexte gestellt, beispielhaft Charles de Coster, der 1867 den Till Eulenspiegel als flämischen Freiheitshelden und Widerstandskämpfer gegen die spanische Herrschaft neu erfand.
Daniel Kehlmann hat seinen „Tyll“ nun in das Deutschland des Dreißigjährigen Krieges verpflanzt. Ein neuer „Simplicissimus Teutsch“ vielleicht? Von Grimmelshausens Epochenroman von 1668 war kürzlich in Kehlmanns Frankfurter Poetikvorlesungen ausführlich die Rede. Die Figur des schein-einfältigen Toren, Abenteurers und späterhin Einsiedlers, der sich als Joker in x Identitäten, Abenteuern und Stationen durch die Zeit schlägt, mag Kehlmann inspiriert haben.

'Tyll' ist das beste Buch, das Daniel Kehlmann bislang geschrieben hat (...). Ja, es ist wieder ein Geschichtsbuch, wie 2005 'Die Vermessung der Welt', der meistverkaufte deutsche Roman seit Patrick Süskinds 'Parfum', das Buch, mit dem Kehlmann zum Weltstar der deutschen Literatur wurde. Aber anders als die hyperionisch erzählte Geschichte der deutschen Weltvermesser (…) ist das neue Werk ein – ja – zu Herzen gehendes, lebensvolles, wundervoll undistanziert geschriebenes, brutales, modernes, romantisches deutsches Epos. (…) 'Tyll' ist Daniel Kehlmanns Sieg über die Geschichte, sein historischer Triumph. Volker Weidermann, Der Spiegel


»Tyll« ist nicht nur kein Schelmenroman, sondern vielleicht nicht einmal ein Till-Eulenspiegel-Roman.Ein „Schelmenroman“ ist sein »Tyll« nicht geworden. Dazu fehlt seinem Eulenspiegel entschieden das Heitere, und mehr noch das Naive. Eher ist Kehlmanns Tyll eine Art Horrorclown in düsterer Zeit. Ein Überlebenskünstler, der auf wundersame Weise Pest, Krieg und Inquisition trotzt. Ein „Herr der Luft“, der auf dem Seil dem staunenden Publikum eine Ahnung von Freiheit gibt. Ein übellauniger Narr, der seiner Herrschaft selten Freude macht. Niemand wird warm mit diesem Tyll, dessen größte Begabung zu sein scheint, seine Haut zu retten.

Daniel Kehlmann lässt Goyas Gaukler auf dem Buchumschlag lebendig werden und das Mittelalter aufleben mit seinen finsteren Gassen, dem Aberglauben und der Gottesfürchtigkeit. Alpträume, Hunger und Angst verschonen auch den „Winterkönig“ nicht und lassen ihn einsam und ohne Würde sterben.

Und jetzt darf ich einen echten Triumph der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur anzeigen. Sprachtrunken, bildersatt und verzaubert habe ich den neuen Roman von Daniel Kehlmann zugeklappt: So ein Wunderbuch begegnet einem nicht jedes Jahr! Eindrücklich wie nie gelingt es Kehlmann, rund um den aus dem Spätmittelalter in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges verpflanzten Tyll Ulenspiegel einen Mummenschanz um Macht, Machtmissbrauch und den Hochseiltanz unserer Existenz zu inszenieren, der es in sich hat. Hinreißend! Denis Scheck, Druckfrisch

Lug und Trug, Gewalt und Macht sind Spielbälle des Glücks und machen vor niemandem Halt.Tyll ist das Band, das die Erzählstränge verbindet und trägt. Hin und wieder scheint er kurz abhandengekommen zu sein, bis er den Faden wiederaufnimmt und sich einbringt.

Der Leser muss kein Geschichtsgelehrter sein und die historischen Zusammenhänge ableiten, um sie im Kontext zu verstehen. Denn Daniel Kehlmann zitiert aus der Geschichte und so manche Begebenheit lässt er nur wahr erscheinen.

Mit seiner einzigartigen Erzählweise und der unvergleichlichen Kombination aus Realismus und Fantasie, die seinen Erzählungen innewohnt, und mit virtuoser Leichtigkeit hat Daniel Kehlmann ein Panorama aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges ganz im Sinne des magischen Realismus gezeichnet. Er hat mit der fernen Epoche auch unsere Gegenwart noch einmal zu neuer Kenntlichkeit gebracht.

Der bekannte Schalk, der einem schon in Kinderbüchern begegnete und womöglich immer unangenehm war - bei Kehlmann wird man ihn sehr mögen (…). 'Tyll', ein wild unterhaltsames Buch, hat Züge eines Klassikers. Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau

Es steckt viel drin in »Tyll«, diesem nicht nur trickreichen, sondern auch enorm unterhaltsamen Roman. Doch scheint es manchmal, als sei Kehlmann der zitatistische Erzählspaß, das literarische Spiel wichtiger als ernsthaft „eine aus den Fugen geratene Welt“ zu porträtieren. So als wolle er lieber doch nicht die ferne Vergangenheit mahnend nah an unsere Gegenwart koppeln.

Literatur [ >> ]:

Tyll
Tyll
von Daniel Kehlmann

Rezension:

Tyll Rezension
»Tyll« von Daniel Kehlmann - Rezension
von Joachim Weiser

Montag, 20. November 2017

Wolfgang Borchert 70. Todestag

Wolfgang Borchert

Wolfgang Borchert starb vor 70 Jahren am 20. November 1947 in Basel. Wolfgang Borchert war ein deutscher Schriftsteller. Sein schmales Werk von Kurzgeschichten, Gedichten und einem Theaterstück machte Borchert nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem der bekanntesten Autoren der Trümmerliteratur. Nach Ansicht von Siegfried Lenz ist Borchert der erste gewesen, der nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges die Sprache wiederfand.

Er war der erste Star der deutsche Nachkriegsliteratur, die er zu neuem Leben erweckte. Mit nur zwei dutzend Kurzgeschichten, einer Handvoll Gedichte und dem Theaterstück „Draußen vor der Tür“ wurde Wolfgang Borchert zur wichtigsten Stimme der deutschen Nachkriegsliteratur. Sie hat bis heute nichts von ihrer Wirkung eingebüßt. "Nachts schlafen die Ratten doch" oder die "Die Küchenuhr".

Das Gesamtwerk
Das Gesamtwerk

Borchert war zunächst Buchhändler und Schauspieler. 1941 wurde er als Soldat an die Ostfront verlegt; zwei Mal wurde er wegen "Zersetzung" zu Haftstrafen verurteilt. Als er 1945 nach Hamburg zurückkam, war er bereits schwer krank.

Das Gesamtwerk von Wolfgang Borchert ist ein Aufschrei. Ein Aufschrei eines jungen Kriegsheimkehrers der für seine komplette Generation spricht. In den Gedichten, Kurzgeschichten, Erzählungen und natürlich in dem bekannten Drama „Draussen vor der Tür“ geht es hauptsächlich um die verlorene Jugend und die unzähligen grausigen Gesichter des Krieges.

Wie kein anderer artikulierte er in seinen von Melancholie durchzogenen Gedichten und Erzählungen die Bitterkeit und Trauer einer "verratenen Generation". Die Erzählung "Die Hundeblume" machte ihn mit einem Schlag berühmt:

Mit seinem Heimkehrerdrama »Draußen vor der Tür« konnten sich in der Nachkriegszeit weite Teile des deutschen Publikums identifizieren. Kurzgeschichten wie Das Brot, An diesem Dienstag oder Nachts schlafen die Ratten doch wurden als musterhafte Beispiele ihrer Gattung häufige Schullektüre. Der Vortrag der pazifistischen Mahnung "Dann gibt es nur eins!" begleitete viele Friedenskundgebungen.

Wolfgang Borchert schrieb schon in seiner Jugend zahlreiche Gedichte, dennoch strebte er lange den Beruf eines Schauspielers an. Nach einer Schauspielausbildung und wenigen Monaten in einem Tourneetheater wurde Borchert 1941 zum Kriegsdienst in die Wehrmacht eingezogen und musste am Angriff auf die Sowjetunion teilnehmen. An der Front zog er sich schwere Verwundungen und Infektionen zu. Mehrfach wurde er wegen Kritik am Regime des Nationalsozialismus und sogenannter Wehrkraftzersetzung verurteilt und inhaftiert.

Wolfgang Borchert gilt heute als einer der bekanntesten Vertreter der so genannten Kahlschlags- oder Trümmerliteratur. Schriftsteller dieser wenige Jahre währenden Literaturepoche nach dem Zweiten Weltkrieg antworteten auf den Zusammenbruch der alten Strukturen und die traumatischen Erfahrungen des Krieges mit der Forderung nach einer Tabula rasa in der Literatur. Das Ziel eines inhaltlichen und formalen Neuanfangs sollte eine ungeschönte und wahrhaftige Darstellung der Realität sein.

Draußen vor der Tür und ausgewählte Erzählungen
Draußen vor der Tür und ausgewählte Erzählungen

Wolfgang Borchert starb einen Tag, bevor sein Heimkehrerdrama »Draußen vor der Tür« in Hamburg uraufgeführt wurde. Die Deutschen wollten das melodramatische Verzweiflungsstück um den Kriegsheimkehrer Beckmann, der sien Frau durch Verrat, seinen Sohn durch den Tod unter Trümmern und seine Eltern durch Selbstmord verloren hat, massenhaft sehen.

Borchert wurde am 20. Mai 1921 in Hamburg geboren.

Werke, die man gelesen haben sollte:

Das Gesamtwerk
Das Gesamtwerk
von Wolfgang Borchert


Draußen vor der Tür und ausgewählte Erzählungen
Draußen vor der Tür und ausgewählte Erzählungen
von Wolfgang Borchert

Samstag, 18. November 2017

»Ikarien« von Uwe Timm



Uwe Timm gehört zu den erfolgreichsten deutschen Autoren der Gegenwart. Er wurde 1940 in Hamburg geboren. Nach einer Kürschnerlehre und einem Philosophiestudium in München und Paris veröffentlichte Timm 1971 seine ersten Gedichte. 1974 erschien sein Romandebüt »Heißer Sommer«. Mit »Rennschwein Rudi Rüssel« machte er sich auch als Kinderbuchautor einen Namen. Geprägt von der 68er-Bewegung, nahm er sich als Autor auch immer wieder der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit an. Timm ist vierfacher Vater und lebt heute in München und Berlin.

»Ikarien« lautet der Titel des neuen Romans von Uwe Timm. »Ikarien« war der Name einer utopischen Kommune in einem Roman des Frühsozialisten Etienne Cabet.Aufbauend auf sozialistischen und kommunistischen Gedankengut und den Ideen des französischen Revolutionärs Étienne Cabet, hatten sich die Auswanderer eine utopische Gemeinde mit Namen Ikarien vorgestellt und in die Praxis umzusetzen versucht. Das Experiment scheitert, doch A. Ploetz wird zum Verfechter einer reinen Rasseidee.

Michael Hansen, 25, kehrt Ende April 1945 als amerikanischer Offizier nach Deutschland in das Land seiner Geburt zurück und übernimmt einen Auftrag des Geheimdienstes. Er soll herausfinden, welche Rolle ein bedeutender Wissenschaftler im Nazireich gespielt hat. Während regional noch der Krieg tobt, bricht Hansen von Frankfurt nach Bayern auf und bezieht Quartier am Ammersee.

In einem Münchner Antiquariat findet er einen frühen Weggefährten des Eugenikers Professor Ploetz, den Dissidenten Wagner. Von ihm lässt er sich die Geschichte einer Freundschaft erzählen, die Ende des 19. Jahrhunderts in Breslau begann und die beiden Studenten über Zürich bis nach Amerika führte - und mitten hinein in die Auseinandersetzung um die beste gesellschaftliche Ordnung: Hier ein Sozialismus nach Marx, dort das utopische Projekt der Gemeinde Ikarien, die vom französischen Revolutionär Étienne Cabet in Amerika gegründet wurde.


Hansen bekommt einen besonderen Auftrag: er soll etwas über die Rassehygieniker herausfinden, deren Ideologie der reinrassigen Bevölkerung zu den unmenschlichen Versuchen an Menschen und Behinderten im Nazireich geführt hatten.In München findet er einen Antiquar, den Dissidenten Wagner, der den Eugeniker Alfred Ploetz kannte. Im weiteren Verlauf berichtet er Hansen, der ihn im Auftrag des CIC verhörte, von einer ideologisch verbrämten Gemeinde zu Ende des 19. Jahrhunderts in Amerika.

Hansen kommt durch die Lebensbeichte Wagners dem faustischen Pakt auf die Spur, den der Rassenhygieniker Ploetz mit den Nazis einging, und dem ganz anderen Schicksal, das den Antiquar wegen seiner widerständigen Haltung ereilte. Seine Reise durch das materiell und moralisch zerstörte Land lässt Hansen Zeuge eines Aufbruchs werden, der die deutsche Geschichte prägen sollte. Zugleich wird sie zu einer éducation sentimentale - auch in der Liebe werden ihm einige Lektionen erteilt. Eine gleichermaßen erschreckende wie berührende Geschichte von der Suche nach Alternativen zum Bestehenden und nach einem anderen Leben.

Das Hauptthema ist nicht der Krieg oder der Faschismus allgemein, sondern die Eugenik, die im Dritten Reich zu Massenmorden führte, die aber generell kein spezifisch deutsches Thema war. In den USA und in skandinavischen Ländern gab es Regierungsprogramme zur Verbesserung der Volksgesundheit, mit Zwangssterilisationen.

Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit des Romans, bzw. des Offiziers Michael Hansen, steht Leben und Wirken eines führenden deutschen Eugenikers, der das Kriegsende nicht mehr erlebt hatte. Dieser historische Hintergrund beruht auf Fakten, nicht auf Fiktion. Interessanterweise kam Alfred Ploetz nicht aus dem nationalistisch-völkischen Lager, sondern er begann seine politische Entwicklung als Sozialist. »Ikarien« war der Name einer utopischen Kommune in einem Roman des Frühsozialisten Etienne Cabet.


In diesem Roman hat Uwe Timm drei höchst unterschiedliche Lebenswege verflochten und dabei gezeigt, daß, wie sich Biografien auseinander entwickeln und wie gemeinsame Ideale pervertiert werden können. Kein Buch für zartbesaitete Gemüter, sondern ein dicker Brocken, der viel Ausdauer erfordert. Timm nähert sich retrospektiv dem Leben und den kruden Theorien des Wissenschaftlers. Die Grenzen zwischen Rassenwahn und idealistischem Weltverbessereifer werden fließend.

Ein Roman, der unter anderem die sozial- und kulturgeschichtlichen Hintergründe der NS-Rassenhygiene-Gesetze erhellt. Die ideologischen Wurzeln der Euthanasiebewegung werden nachvollziehbar. Der Leser taucht geradezu ein in die Vernetzung entsprechend gesinner Wissenschaftler, in ihr kognitives Mindset und seine Genese. Fatale Erkenntnis: Eutanasie ist nicht nur rechts sondern mit Philosohien verbunden, die auf eine Weiter- und Höherentwicklung der Menschheit verbunden sind. Der Gleichheit wird nachgeholfen z. B. durch Sterilisation, Eheverbote, Beseitigung "unnützer" Ballastexistenzen. Eutanasie erscheint als die fatale Kehrseite einer auf Perfektionierung des Menschen ausgerichteten Sozialtechnologie.

Hier und da wirkt Timms unermüdliches erzählerisches Abarbeten der politisch-philosophischen Theorien ermüdened und geht deulich zu Lasten der Lesbarkeit.

Literatur [ >> ]:


Ikarien
von Uwe Timm

Mittwoch, 15. November 2017

»Ilias« von Homer in neuer Übersetzung

Kämpfen und spielen. Die Helden der «Ilias» tun beides mit der gleichen gespannten Gelassenheit: Achilleus und Aias beim Brettspiel. (Bild: Vatikanische Museen, Rom)

Die »Ilias« steht meist im Schatten der »Odyssee«, zu Unrecht. Kurt Steinmanns neue Übersetzung zeigt das gewaltige Werk von Homer so, wie es ist: gewaltig und zugleich geschmeidig. Illustriert wird das Werk durch zahlreiche eigens angefertigte Illustrationen von Anton Christian, welche diesen Band schmücken.

Mit Homer begann die europäische Literatur – genauer gesagt mit der »Ilias«. In 15.500 packenden Versen erzählt dieses unvergängliche Menschheits-Epos vom Groll des Achilleus und dem Krieg um Troja. Zehn Jahre nach der «Odyssee» legt Manesse nun auch diesen kanonischen Großklassiker in einer prachtvollen, illustrierten Referenzausgabe vor. Noch genauer, noch poetischer als je zuvor, hält Kurt Steinmanns Neuübersetzung Überraschungen für Homer-Kenner wie -Entdecker bereit.

Ausgelöst von Paris' Raub der Helena, der schönsten aller Frauen, herrscht ein jahrelanger Krieg zwischen den Griechen und den Bewohners Trojas (griechisch: Ilion). In dramatischen Einzelszenen trifft Mann auf Mann, wird um das Leben von Freunden gekämpft und um Angehörige getrauert. Zusätzlich befeuert wird das grausame Gemetzel vom persönlichen Krieg des Griechen Achilleus gegen seinen Heerführer Agamemnon. Dieser hat ihm ein Beutestück, das Mädchen Briseis genommen. Achilleus bittet die Götter um Rache – und sei es um den Preis der eigenen Niederlage. Wie Achilleus‘ Zorn besänftigt wird, wie nach dramatischen Wendungen sein unbändiger Hass und sein Egoismus bezwungen werden, erzählt Homers ergreifendes Schlachtengemälde in unvergesslichen 24 Gesängen.



Gleich am Anfang, als Auslöser der Handlung, steht die Niedertracht Agamemnons, des obersten Heerführers der Griechen, der dem tapferen Achill die ihm als Beute zugewiesene Briseïs kraft seiner «Vorgesetztenfunktion» wieder wegnimmt – und damit den «Ingrimm des Peleus-Sohnes Achill» weckt, der fortan am Kampf nicht mehr teilnimmt. Im zweiten Buch stiftet Thersites, der hässlichste aller Griechen, eine veritable Meuterei an, indem er dazu rät, nach so langer Zeit erfolgloser Belagerung Trojas doch endlich heimzukehren, statt sich wegen einer tugendlosen Frau wie Helena weiter vergeblich zu verkämpfen.

Als das Heer schon zu den Schiffen strömt, gelingt es Odysseus, die zur Heimfahrt aufbrechenden Griechen mit einer «Durchhalterede» zur Umkehr zu bewegen. Dann kommen die grossen Schlachtszenen, in denen kleinste anatomische Details der Verletzungen beschrieben werden. Etwa im Kampf des gehörnten Menelaos mit dem Feigling Paris, der ihm die Frau ausgespannt hat. Oder im Aufeinandertreffen der ebenbürtigen Helden Hektor und Patroklos, der sich von seinem Freund Achill die Erlaubnis erbeten hat, in dessen Rüstung aufzutreten. Es gelingt ihm so eine Weile, unter den Griechen Angst zu verbreiten, doch am Ende erliegt Patroklos dem stärkeren Hektor.

Darin liegt, wie schon Platon sagte, eine Tragik, da Achill den Tod des Freundes durch seinen Starrsinn aus gekränkter Ehre selbst verursacht. Um den Tod des Freundes zu rächen, greift Achill wieder in den Kampf ein, von Hephaistos mit neuen Waffen ausgestattet, darunter einem Schild, der alle Szenen menschlichen Lebens schildert. Homer gibt diese in einer von Lessing gerühmten Technik wieder und erzählt, wie Hephaistos den Schild herstellt. So ausgerüstet, rast Achill, bis er Hektor tötet und dessen Leiche in zutiefst ehrloser Weise von den Pferden schleifen lässt.

Die sprachmächtige neue Übertragung in Versen wird ergänzt durch einen sorgfältigen Anmerkungsapparat mit Stellenkommentar und ein Nachwort von Jan Philipp Reemtsma. Zahlreiche eigens angefertigte Illustrationen von Anton Christian schmücken diesen Band.

Literatur [ >> ]:

Ilias
Ilias
von Homer

Weblink:

Endlich schüttelt Hektor seinen Helm

Freitag, 10. November 2017

Arnold Zweig 130. Geburtstag

Arnold Zweig

Arnold Zweig wurde am 10. November 1887 im schlesischen Glogau als Sohn eines Sattlers geboren. Arnold Zweig war ein deutscher Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Er schrieb zahlreiche Romane, Novellen, Dramen und Essays.

Zweig besuchte die Kattowitzer Realschule als eher durchschnittlicher Schüler und legte im Jahre 1907 sein Abitur ab.Zweig studierte u. a. in Breslau, München, Berlin Germanistik, moderne Sprachen, Philosophie und Psychologie. Bekannt wurde er mit »Novellen um Claudia« (1912). Sein literarisches Debüt war 1912 der Band »Novellen um Claudia«. 1915 erhielt er für die Tragödie »Ritualmord in Ungarn« den Kleist-Preis.

Er war im Ersten Weltkrieg Armierungssoldat in Serbien und vor Verdun, ab 1917 Schreiber und Zensor in der Presseabteilung Ober-Ost. Von 1919 bis 1923 lebte er am Starnberger See, danach in Berlin. Die Erfahrungen im Ersten Weltkrieg sollten den späteren Schriftsteller präen. Neben Novellistik und Dramatik entstanden in dieser Zeit Publikationen und Vorträge über Judentum, Antisemitismus und die Lehre Sigmund Freuds.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden Zweigs Bücher im Rahmen von Bücherverbrennungen öffentlich verbrannt. Zweig emigrierte 1933 zuerst in die Tschechoslowakei, dann in die Schweiz und schließlich nach Sanary-sur-Mer (Frankreich). Seine zionistische Einstellung führte ihn von dort weiter ins Exil nach Palästina, wo er sich 1934 in Haifa niederließ.

Der große jüdische Romancier, der mit seiner Frau in Palästina Schutz gesucht hatte, konnte sich lange nicht entscheiden, wohin er nach dem Krieg ziehen sollte.

1948 kehrte Arnold Zweig aus dem Exil nach Ost-Berlin zurück. Als bekennender Sozialist wurde er in der Sowjetischen Besatzungszone und der späteren DDR geehrt.

1957 wurde er Präsident des P.E.N.-Zentrums zunächst für ganz Deutschland, nach dem Bau der Mauer ab 1967 für die DDR. Als Zionist und politischer Sozialist bekannte er sich klar zum Humanismus.

Arnold Zweigs Weg vom Nietzscheaner und Kunstästheten der Vorkriegsjahre zum Zionisten, vom kurzzeitigen Kriegsjubler zum zeitweise bekennenden Pazifisten ist gezeichnet von Brüchen wie von Kontinuitäten. Die "Hölle von Verdun", das Sterben in den Materialschlachten und die Reflexion der gesellschaftlichen Hintergründe des Ersten Weltkriegs wurden zentrale Themen seiner großen Romane.

Novellistik, Dramatik, Romane u. a. Der Zyklus »Der große Krieg der weißen Männer«: »Der Streit um den Sergeanten Grischa« (1927), »Junge Frau von 1914« (1931), »Erziehung vor Verdun« (1935), »Einsetzung eines Königs« (1937), »Die Feuerpause« (1954), »Die Zeit ist reif« (1957), »De Vriendt kehrt heim« (1932), »Das Beil von Wandsbek« (1943 in Hebräisch, 1947 in Deutsch), »Traum ist teuer« (1962).

Der Antikriegsroman »Der Streit um den Sergeanten Grischa« (1927) wurde zu einer der bedeutendsten Abrechnungen der deutschen Literatur mit der Unmenschlichkeit des Krieges.

»Junge Frau von 1914« entstand 1931 und ist Teil des Romanzyklus "Der große Krieg der weißen Männer" über den Ersten Weltkrieg.

Der Roman ist das Kernstück des mehrteiligen Zyklus »Der große Krieg der weißen Männer«. Der Zyklus besteht aus sieben Bänden aus dem Zeitraum von 1927 bis 1958 und beschreibt vor allem die Zeit des Ersten Weltkrieges.

Seine Lebensgeschichte führte den Autor von Schlesien (heute Polen) über Berlin im damaligen Preußen nach Palästina und wieder zurück nach Berlin. Arnold Zweig starb am 26. November 1968 in Ost-Berlin.


Literatur:

Der Streit um den Sergeanten Grischa
Der Streit um den Sergeanten Grischa
von Arnold Zweig

Junge Frau von 1914
Junge Frau von 1914
von Arnold Zweig


Biografie:

Junge Frau von 1914
Um Deutschland geht es uns. Arnold Zweig: Die Biographie
von Wilhelm von Sternburg