Freitag, 22. Mai 2020

Deutsche Liebeslyrik

Im Reclam-Verlag gibt es einen stattlichen Band, dessen Herausgeber Hans Wagener unter dem Titel "Es schlug mein Herz". Deutsche Liebeslyrik auf fast 500 Seiten Liebesgedichte von der Zeit des Mittelalters bis in die Gegenwart ausgewählt hat. Diesen Band wollen wir unserer Seminardiskussion zugrunde legen. Der Titel gibt allerdings sofort Anlaß zum Nachdenken.

"Deutsche Liebeslyrik" - die Bezeichnung suggeriert, daß sowohl "Liebe" wie auch "Lyrik" Phänomene seien, deren Geschichte durch die Jahrhunderte kontinuierlich verfolgt werden könne. An dieser Suggestion lässt sich aber mit Gründen zweifeln: Die "Begriffe" verdecken womöglich, daß unter ihnen Sachverhalte verborgen sind, die im Verlauf der Geschichte so heterogen gewesen sind, daß die einheitliche Bezeichnung geradezu in die Irre führt.

Offenbar glaubt der Herausgeber, daß Goethes frühe Liebesgedichte sowohl das "Lyrische" wie das Wesen der "Liebe" so exemplarisch verwirklicht haben, wie es das Zitat "Es schlug mein Herz" im Titel seiner Auswahl erkennen lassen soll. Im Horizont dieser Titelsuggestion möchte das Seminar den Versuch machen, die Spannweite und semantische Komplexität sowohl der Vorstellungen von "Liebe" als auch der Konzepte von "Lyrik" zwischen Mittelalter und Gegenwart in den Blick zu bekommen. Es geht also um die Verbindung einer gattungsgeschichtlichen mit einer mentalitäts- und sozialhistorischen Perspektive.

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