Mittwoch, 20. Januar 2021

»Der arme Spielmann« von Franz Grillparzer

Der arme Spielmann Der arme Spielmann


Franz Grillparzers »Der arme Spielmann« erzählt die Geschichte eines Mannes, dem das Schicksal alles andere als freundlich gesinnt war, der trotz intellektueller Begabung einen sozialen Abstieg erleiden musste. Es erzählt auch von einem tragischen Lebenswandel dieses jungen Mannes und endet dramatisch mit einem unausweichlichen Ende. »Der arme Spielmann« ist eine Geschichte die man gerne erzählt. Sie rührt und erheitert. Und genau dieses Emotionale ist es was sie so besonders macht, denn sie ist mit Herz und aus Erkenntnis geschrieben.

Sie beginnt mit einem Wiener Volksfest auf welchem der einen Straßenmusikanten entdeckt, der seine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Anders als seine Konkurrenz spielt er nach Noten und das mit ganzer Leidenschaft. Doch sein Lohn ist gleich null, wobei er schließlich die Aussichtslosigkeit seines Spiels einsieht und auf Lateinisch fluchend von danan zieht. Das Interesse seines Beobachters ist damit allerdings umso mehr angefacht. Er beschließt dem Musikanten zu folgen und herauszufinden was ein derart kultivierter Mann nur als armer Spielmann treibt. Doch der Straßenmusiker weigert sich zunächst und trifft mit dem namenlosen Erzähler eine "geschäftliche" Vereinbarung, denn er will für seine Erzählung bezahlt werden.

Geboren als Sohn eines Wiener Hofrats durchlebte er eine unbeschwerte Kindheit und scheiterte schließlich am Gymnasium. Ein einziges Wort wollte ihm nicht einfallen, dabei legte er immer großen Wert auf sein überragendes Gedächtnis und ist unfähig zu improvieren. Jakob versagt, weil er sich weigert zu akzeptieren, dass er sich etwas nicht merken konnte, dass seine Erinnerung nicht perfekt ist. Und so nimmt ihn sein Vater enttäuscht ob des Versagens seines Sohnes aus der Schule, wobei er ihn stattdessen in einer Schreibstube unterbringt. So sehr Jakob seinen neuen Beruf auch beherrscht, Grund zur Freude hat er wenig, denn nachdem seine Brüder das elterliche Haus verlassen haben, ist er vor allem allein. Sein zutiefst von ihm enttäuschter Vater hält ihn jedoch in der heimischen Enge gefangen. Ein Ausweg scheint sich anzubahnen, als er die Nachbarstochter in bezauberndes Lied summen hört und alles versucht sich dieses zu merken. Nach Jahren greift er nun wieder zur Geige, doch ihm fehlen die Noten, frei spielen kann er nicht. Seine eigene Scheu überwindend, wagt er es, Barbara anzusprechen und um Hilfe zu bitten. Sie willigt ein und verschafft ihm die Noten, wobei sich ihre Beziehung zu entwickeln beginnt. Kurz darauf stirbt der alte Hofrat und dennoch soll das nur der erste Schicksalsschlag für Jakob sein, der seine Mutter schon viel früher verloren hat.

Jakob ist ein interessanter Charakter, einerseits durch sein besonderes Gedächtnis begabt, anderenseits aber auch erschreckend lebensunfähig, ist er doch unfähig mit unvollständiger Erinnerung zu agieren, er braucht Halt, etwas Festes und unabänderliches, woran er sich orientieren kann. Die wortgetreue Wiedergabe und totale Erinnerung ebenso wie die Noten, ohne deren Hilfe er sich nicht im Stande sieht, zu spielen. Sein Spiel, auch wenn es eher schlecht ist, ist an Zwang gebunden, er kann von seinen Prinzipien nicht abweichen.

Dabei ist er noch in Barbara verliebt, wobei sich diese Beziehung schon bald als immer komplizierter entpuppt. Ein gemeinsames Leben ist ihnen nicht vergönnt und auch schafft es Jakob nicht ein zweites Mal über seinen Schatten zu springen und um sie zu werben. Darüber hinaus ist der arme Spielmann auch eine Gesellschaftskritik, denn Jakob sinkt mit der Zeit immer tiefer in seinem sozialen Status, vom Sprössling eines vermögenden Hofrates wird er zum minderen Beamten, bis er schließlich beginnt alles zu verlieren. Je tiefer er fällt, desto bedrückender werden die Schicksalsschläge, bis er dort ist, wo der Erzähler in auffindet, als Bettler auf der Straße, der sich seine Dachstube mit zwei Handwerkern teilen muss.

»Der arme Spielmann« ist eine großartige Geschichte -emotional, tiefgehend, autobiografisch, glaubhaft und einfach schön zu lesen, wenn auch zunächst sprachlich etwas gewöhnungsbedürftig und insgesamt kurz. Eine Mischung aus Autobiografie und Roman verleiht Franz Grillparzers armen Spielmann seinen unvergesslichen Charme. Doch sie zeichnet ein anderes Bild vom Wien des 19. Jahrhunderts, als etwa Arthur Schnitzler und dabei ist Franz Grillparzers Geschichte dennoch zeitlos und für Neuinszenierungen bestens geeignet.


Literatur:

Der arme Spielmann Der arme Spielmann von Franz Grillparzer

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