Samstag, 12. September 2026

»Wilhelm Meisters Lehrjahre«


1795/96 erschien die Erstausgabe von Goethes Roman »Wilhelm Meisters Lehrjahre« in vier Bänden, die 1821 durch die Weiterführung »Wilhelm Meisters Wanderjahre« oder »Die Entsagenden« von Goethe, vielleicht auch als Antwort auf die Kritiken aus den Reihen der Romantiker, ergänzt wurde. (So erklärt Goethe im Briefwechsel mit Schiller (8. Und 12. Juli 1796) die Fortsetzung seiner Lehrjahre als „Correlatum“, das die „Meisterschaft“ zum Ziel haben müsse.) »Wilhelm Meisters Lehrjahre« gilt als klassischer Bildungsroman. Ziel dieses ersten Bildungsromans der Literaturgeschichte ist jedoch kein realistische, sondern gleichnishafte Lebensbetrachtung, deren Leser sich darin idealerweise spiegelt, gemeinsam mit dem Romanhelden in seiner Welt- und Selbstkenntnis voranschreitet und in der Rückschau zumindest ahnt, dass alles in einem sinnvollen und geradezu notwendigen Zusammenhang geschah.

Goethe

Die Herkunft aus gutem Haus, der Drang zur Selbstverwirklichung, der verschlungene Lebensweg: Wilhelm Meister hat einiges mit seinem Erfinder Johann Wolfgang von Goethe gemeinsam. In die Form eines Romans gepresst, weicht Goethes Lebensschilderung doch stark von dem handlungsgetragenen Schema ab, das man mit dieser literarischen Gattung üblicherweise verbindet. Orte und Zeit der Handlung werden nie genannt. Immerhin sind sie konkret genug, um in mancher Hinsicht ein Spiegelbild Deutschlands zur Goethe-Zeit zu erkennen.

Die meisten Personennamen wie Mignon, Philine, Serlo, Melina, Jarno oder Aurelie erscheinen so fiktiv, dass man von einer realistischen Erzählung kaum sprechen kann. Das Buch ist eher ein Ideenroman, ein gewaltiges Essay zu den sich überlappenden Themen Theater und Persönlichkeitsentwicklung. Wie „meistert“ man das Leben am besten? Die Antwort auf diese Frage findet Goethes »Wilhelm Meister« vor allem im Erziehungsideal der aufklärerisch gesinnten Freimaurer. Fazit: Nicht in der (Schauspiel-)Kunst verwirklicht sich das Leben, sondern das Leben selbst ist die Kunst.

Du kannst dich also nach Belieben in der Welt umsehen, denn die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen. * * * * Ich hatte niemals einen Menschen ohne Schwäche gesehen; nur ist sie auffallender bei vorzüglichen Menschen. * * * * Das ganze Weltwesen liegt vor uns, wie ein großer Steinbruch vor dem Baumeister, der nur dann den Namen verdient, wenn er aus diesen zufälligen Naturmassen ein in seinem Geiste entsprungenes Urbild mit der größten Ökonomie, Zweckmäßigkeit und Festigkeit zusammenstellt. * * * * Wenn wir die Menschen nur nehmen, wie sie sind, so machen wir sie schlechter; wenn wir sie behandeln, als wären sie, was sie sein sollten, so bringen wir sie dahin, wohin sie zu bringen sind. * * * * Wir erleben abermals hier so einen schönen Fall, dass uneigennütziges Wohltun die höchsten und schönsten Zinsen bringt.

Johann W. Goethe


Die Handlung begleitet den jungen Wilhelm von seinem Aufbruch aus bürgerlichem Hause durch vielfältige Irrungen und Wirrungen bis zum glücklichen Ende mit Sohn und Braut. Dabei begegnet er Schauspielern und Adligen, erprobt sich selbst auf der Bühne und im Geschäftsleben, erlebt (Selbst-)Täuschung, Enttäuschung und Schicksalsschläge, wird durch Vorbilder, Gespräche und Geschichten belehrt, verzweifelt am Leben, den Menschen und sich selbst auf fortwährender Suche nach dem Guten, Wahren und Schönen und erlangt schließlich doch unerwarteten Lohn für seine Mühen.

Vor allem aus den eigenen Reihen der Weimarer Klassik erntete Goethe Kritik zu diesem Werk. Nicht nur sein Freund Schiller, der seine Kritik bezüglich der Freizügigkeit des Helden sehr zart anbrachte („... mir deucht, daß Sie hier die freie Grazie der Bewegung etwas weiter getrieben haben, als sich mit dem poetischen Ernst verträgt...“ im Briefwechsel mit Schiller (8. Juli 1796)). Friedrich Heinrich Jacobi ging sogar soweit, dem Werk zu unterstellen es herrsche „ein gewisser unsauberer Geist darin“ und auch Johann Gottfried Herder wirft Goethe vor, er ließe seinen Protagonisten sich über „zarte moralische Begriffe“ hinwegsetzen (Herders Brief an die Gräfin Caroline Baudissin (1796)).

Christian Gottfried Körner und Wilhelm von Humboldt stritten sich indessen über die Frage, ob die Lehrjahre nun die vollendete Bildung Wilhelms aussprächen oder nur dessen vergebliches Streben danach. Körner, der mit seinem Horen-Brief 1796 das wohl folgenreichste Dokument in der Rezeptionsgeschichte der Lehrjahre schuf, stand dabei auf dem Standpunkt, dass der Held der Lehrjahre, Wilhelm Meister, „seine schöne menschliche Natur“ zu einem „vollendeten Gleichgewicht - Harmonie mit Freyheit“ brächte (Die Horen 8 (1796)). Körner prägte auch den Begriff des Bildungsromans, dessen Definition in den Folgejahren immer stärkere Bedeutung gewann und für die Romantiker eine entscheidende Rolle als Kunstform spielte.
Die jungen Romantiker bewunderten das Werk, was sich am prägnantesten in Friedrich Schlegels Fragment über die drei großen Tendenzen des Zeitalters zeigt, erschienen 1798 im „Athenäum“, der Programmzeitschrift der Jenaer Romantiker, in dem er schreibt: „Die französische Revolution, Fichtes „Wissenschaftslehre“ und Goethes „Meister“ sind die größten Tendenzen des Zeitalters.“.

Literatur:

Wilhelm Meisters Lehrjahre
Wilhelm Meisters Lehrjahre

Weblinks:

Johann W.Goethe Biografie - www.die-biografien.de

Johann W. Goethe Wilhelm Meister-Zitate - www.die-zitate.de

»Der Nachsommer« deutschsprachiger Bildungsroman

Der Nachsommer


Der Nachsommer

»Der Nachsommer« mit dem Untertitel »Eine Erzählung (1857)« ist ein Roman in drei Bänden von Adalbert Stifter. Das Werk gehört zu den großen Bildungsromanen des 19. Jahrhunderts. Beschrieben wird ein idealisierter, vom Leben abgeschirmter, teilweise synthetischer Weg eines jungen Menschen in das Erwachsenwerden. »Der Nachsommer« ist der letzte große deutschsprachige Bildungsroman in der Nachfolge von Goethes »Wilhelm Meisters Lehrjahre« (1795 / 96). Darin entfaltet Adalbert Stifter sein Konzept einer planvollen Erziehung und umfassenden Bildung, dessen Ziel die harmonische Entwicklung des Menschen ist. Die Erzählung ist ein Werk mit einem nie wieder erreichten Höchststand deutscher Sprachkultur.

Dieser Roman kommt ganz ohne Handlung aus, ohne alles aus, was man eine „Geschichte” nennen könnte. allein die Rundgänge beim ersten Besuch des Ich-Erzählers, auf denen der Hausbesitzer seinem Gast die verschiedenen Kunstsammlungen, den weitläufigen Garten und den Betrieb zur Restauration alter Möbel und Kunstwerke zeigt, nehmen nicht weniger als 110 Seiten ein. Die Handlungsarmut des Buches, seine ausschweifenden Beschreibungen haben von Anfang an spöttische Kritik hervorgerufen. Ebenso häufig aber wurde der »Nachsommer« von seinen Lesern - insbesondere von den Schriftstellern unter ihnen - als einer der schönsten Romane deutscher Sprache gewürdigt.



»Der Nachsommer« wurde gerade von Schriftstellern bewundert und geliebt. Die Bewunderer Stifters unter den Lesern, die selbst schreiben, sind und waren zahlreich. Schließlich geht es hier um die Sprache als seine Weise der Vergegenwärtigung der Welt.

Friedrich Nietzsche, dessen eigener im Vergleich zu Stifters Stil so unterschiedliche, der für mich doch zum Schönsten gehört, was in deutscher Sprache je erreicht wurde, hat dieses Buch geliebt wie kein anderes.

"Ein Klassiker ist ein Buch, das jeder lobt und niemand liest.", sagte Mark Twain einmal.
Dieses Buch ist ein Klassiker und verdient es, nicht nur gelobt, sondern auch gelesen zu werden.
In der Tat macht es der Autor dem Leser nicht leicht, in erster Linie deswegen, weil man zur Lektüre braucht, was vielen in der heutigen Zeit abgeht, Zeit und Muße. Wie jedes große Kunstwerk erschließt sich das Buch nicht sofort und nicht beim flüchtigen Lesen.

Literatur:

Der Nachsommer


Der Nachsommer von Adalbert Stifter - Gebundene Ausgabe - 1. Januar 2007

Sonntag, 23. August 2026

»Sommergäste in Trouville« von Undine Gruenter

Sommergäste in Trouville


Sommergäste in Trouville

Trouville ist ein beliebtes Seebad an der französischen Atlantikküste. »Sommergäste in Trouville« ist ein stimmungsvoller Erzählband mit 15 Kurzgeschichten der im Jahr 2002 verstorbenen Schriftstellerin Undine Gruenter. Der Erzählband »Sommergäste in Trouville« ist postum erschienen, ist also sozusagen ein poetisches Vermächtnis der Undine Gruenter.

»Sommergäste in Trouville« erzählt von sommerlichen Stimmungen in einem Seebad an der Atlantikküste. Eine handvoll Sommerstimmungen kreiert Undine Gruenter mit ihren Kurzgeschichten »Sommergäste in Trouville«. Es sind wie Erzählungen wie aus vergangenen Zeiten. Fin de Siècle des ausgehenden 20. Jahrhunderts, die Morbidität Frankreichs, der Scheinreichen und der wirklich Reichen, Dekadenz, die Melancholie des verblassenden Blaus in den adligen Adern, Sehnsüchte, Traurigkeit.
Gruenter betont die für einige Augenblicke im Sommerdomizil wiedergefundene Langsamkeit und Ursprünglichkeit, vermittelt gleichzeitig jedoch die Unmöglichkeit, in den heutigen Zeiten ein solches Leben außerhalb der Ferien fortzusetzen zu können.

Leicht lassen sich diese 15 Kurzgeschichten lesen, denen nur der Ort und die Grundstimmung gemeinsam ist. Nachdenken muss man manchmal über die mögliche Zweideutigkeit der Situationen. Eine Vielzahl wunderschöner Wörter und Umschreibungen werden verwendet. Edle Speisen, Bekleidung und Wohnausstattung wie auch Baustile werden mit französischem Fachvokabular erklärt, dessen Kenntnis die Geschichten sicher noch interessanter machen würde. Ein Wörterbuch auf den Knien verscheucht andererseits jedoch die gewobenen Stimmungen!

Seltsame und faszinierende Menschen am Strand, in den Hotels und auf den Promenaden: die Achtzigjährige, die seit Jahr und Tag ans Meer fährt und bereits vom ewig gleichen Taxifahrer erwartet wird, Künstler, Geschäftsleute und Müßiggänger. Mit großer atmosphärischer Dichte und sprachlicher Finesse lässt Undine Gruenter eine Welt entstehen, die von großer Wirklichkeit ist und zugleich immer wirkt wie ein Traum aus einer anderen Zeit.

Die turbulente Hochsaison ist vorbei. Jetzt kommen die Dauergäste wie die Achtzigjährige, die seit Jahr und Tag vom gleichen Taxifahrer erwartet wird. Jetzt kommt das junge Mädchen, das in der schattigen Ferienvilla die eigene Sexualität erkundet. Oder der Schriftsteller, der auf der Suche nach einem Feriendomizil die Gassen des Badeorts durchstreift und dabei plötzlich ein Kind in einem Zimmer entdeckt, das mit einem weißen, apathischen Gesicht auf eine erleuchtete Weltkugel starrt.

Vergangenes scheint im Gegenwärtigen auf in den wunderbaren, zarten und leichten Arrangements, die Undine Gruenter für ihre Erzählungen entwirft. Mehr als Personen werden in ihnen Stimmungen lebendig. Und über allem liegt ein Hauch Melancholie.

Dieser Art sind die Erzählungen der Undine Gruenter in dem Erzählband. Und sie sind unvergleichlich schön, von großer poetischer Kraft und Dichte, voller sprachlicher Finesse. In ihnen steht die Zeit still. Es sind elegische Idyllen, Skizzen und Traumbilder über Leben und Liebe, Mann und Frau. Es sind gleichermaßen "offene Kunstwerke", Geschichten ohne Ende.

Vor allem gelingt es Undine Gruenter - hier erweist sich die Dichterin als gelehrige Schülerin von Proust und Flaubert - , Atmosphäre zu vermitteln: von der Tristesse des verlassenen Ortes, von Interieurs, Villen und Hotels und von Seelenlandschaften. So sind »Sommergäste in Trouville« Erzählungen wie aus vergangenen Zeiten und gleichzeitig moderne Geschichten von den existenziellen Befindlichkeiten des Menschen.

Literatur:

Sommergäste in Trouville


Sommergäste in Trouville von Undine Gruenter

Samstag, 22. August 2026

»Der Kirschgarten« von Anton Tschechow

Der Kirschgarten


Der Kirschgarten

»Der Kirschgarten« von Anton Tschechow nimmt die Russische Revolution vorweg und beschreibt den Niedergang des Adels auf dem Land. Es ist das letzte Stück des russischen Dramatikers, das die Geschichte der Gutsherrin Andrejewna Ranjewskaja erzählt, die unrealistische Illusionen für ihre Rettung aus dem Bankrott hegt. »Der Kirschgarten« ist ein Stück mit hoher Symbolik.

Im Zentrum des Geschehens steht der 22. August, der Tag, an dem der Kirschgarten versteigert werden soll. Wie ein Damoklesschwert hängen die Frist bis dahin und die Schulden über dem Figuren. Immerhin hängt ihr weiteres Leben vom Kirschgarten und dem Gut ab.

Andrejewna Ranjewskaja, die Gutsbesitzerin, ist erst vor kurzem aus Paris zurückgekehrt. Sie hat ihren Sohn verloren, ihr Geliebter in Paris hat sie ausgenommen, und mit ihrem Bruder hat sie alles Geld verprasst. Ihre Tochter Anja, genauso wie ihre Pflegetochter Warja und Charlotta, die Erzieherin, sind alle vom Gut abhängig. Der alte Diener Firs sowieso.


Für die Dame des Hauses ist der Kirschgarten ein Symbol für eine unschuldige, reine Jugend. Er ist der Inbegriff des Paradieses und des Glaubens daran, dass alles gut wird. Doch sie lebt in einer wirklichkeitsfremden Welt, schwelgt in Kindheitserinnerungen und gibt Feste; für die Rettung des Gartens und des Guts tut sie nichts.

Für den neureichen Kaufmann Lopachin ist dieser Garten jedoch nur ein reines Spekulationsobjekt. Am Ende wird er ihn ersteigern, die Bäume des schönen Kirschgartend unbedacht fällen und Ferienparzellen darauf errichten lassen.

Der bizarre Streit unter den Familienmitgliedern um den Erhalt des Kirschgartens steht dabei für das Festhalten an der alten Ordnung.

Literatur:

Der Kirschgarten


Der Kirschgarten von Anton Tschechow

Donnerstag, 13. August 2026

»Schloß Gripsholm« von Kurt Tucholsky

Schloß Gripsholm: Eine Sommergeschichte


Kurt Tucholsky verbrachte 1929 mit seiner damaligen Lebensgefährtin Lisa Matthias den Sommerurlaub nahe Schloß Gripsholm in Schweden. Der Aufenthalt inspirierte ihn zu der »Sommergeschichte« des Ich-Erzählers und Schriftstellers Peter, der mit seiner Geliebten Lydia einen mehrwöchigen Urlaub auf Schloß Gripsholm verbringt.

»Schloß Gripsholm. Eine Sommergeschichte« lautet der Titel einer Erzählung, die Kurt Tucholsky im Jahre 1931 veröffentlichte. Der episodenhafte Roman erzählt die heiter-melancholische Liebesgeschichte, zählt zu den bekanntesten Werken des Autors und wurde zu einem großen Publikumserfolg. Kurt Tucholskys Roman erzählt die Geschichte um den Sommerurlaub eines unkonventionellen Liebespaars.


»Schloss Gripsholm« ist eigentlich auf Bitten seines Verlegers zustande gekommen, denn eine nette kleine Liebesgeschichte möchte der Verleger Ernst Rowohlt gern von Tucholsky haben und dieser kommt im Sommer 1931 der Bitte des Verlegers nach.

Der Roman beginnt mit einem fiktiven Briefwechsel, in dem der Verleger Ernst Rowohlt seinem Autor nahe legt, eine kleine Liebes- oder Sommergeschichte zu schreiben, welche die Leute »ihrer Freundin schenken können«. Danach setzt die eigentliche Handlung ein – der Schweden-Urlaub des Ich-Erzählers Peter und seiner Freundin, der Sekretärin Lydia. Die beiden mieten sich in einem Anbau von Schloss Gripsholm bei Mariefried ein. Dort verleben sie heiter verliebte Tage, mokieren sich über konservative Touristen und lassen die Seele baumeln. Sie genießen ihre freie Zeit und streifen in Wanderungen durch die Gegend.

Zwischenzeitlich bekommen sie Besuch, zunächst von Peters Freund Karlchen, dann von Lydias Freundin Billie, woraus sich eine Nacht zu dritt entwickelt. Auf einem ihrer Spaziergänge lernen Peter und Lydia die kleine, tief verstörte Ada kennen, die im nahen Kinderheim wohnt und unter der tyrannischen Direktorin leidet. Die beiden setzen sich dafür ein, dass die Kleine wieder zu ihrer Mutter nach Zürich zurückkehren kann, und nehmen sie bei ihrer Abreise mit.

Kurt Tucholsky, ein Meister der schreibenden Zunft, erzählt seine Urlaubsgeschichte über eine Sommerliebe in Schweden mit großer Leichtigkeit, verlässt jedoch vielfach das vorherrschende Genre des unterhaltsamen Reise- bzw. Liebesromans. Die eingestreuten Reflexionen über das Wesen der Liebe oder die Unmöglichkeit, einer Urlaubsidylle Dauer zu geben, verleihen dem Roman melancholische Züge.

Ein herrlich geschriebener leichter Roman, der doch viel sprachlichen Witz und auch immer wieder zynische Anklänge und kritische Untertöne hat. Selten zwar, aber unvermittelt und dadurch umso überraschender bricht sich seine Bitterkeit an den scheinbar unverbesserlichen Schwächen der Menschheit Bahn. Um sich gleich darauf mit Humor an die eigene Menschlichkeit zu erinnern. Der Roman entlässt den Leser auch nicht ohne Nachdenklichkeit, enthält er doch auch einige zeitkritische Bezüge.

Mit leichter Hand entwarf Kurt Tucholsky eine launige Romanze zwischen zwei sachlichen Menschen. In seiner unnachahmlichen Mischung aus schnoddriger Zärtlichkeit, leiser Melancholie und fröhlich-ausgelassener Sprachakrobatik bietet dieser Roman ein Lesevergnügen ersten Ranges.



Literatur:

Schloß Gripsholm: Eine Sommergeschichte


Schloß Gripsholm: Eine Sommergeschichte von Kurt Tucholsky

Schloss Gripsholm Rezension


Schloss Gripsholm Rezension von Joachim Weiser

Weblink:

Schloss Gripsholm - Wikipedia.org

Samstag, 18. Juli 2026

»Auf dem Rhein« von Clemens Brentano

Ein Fischer saß im Kahne,
Ihm war das Herz so schwer
Sein Lieb war ihm gestorben,
Das glaubt er nimmermehr.

Und bis die Sternlein blinken,
Und bis zum Mondenschein
Harrt er sein Lieb zu fahren
Wohl auf dem tiefen Rhein.

Da kömmt sie bleich geschlichen,
Und schwebet in den Kahn
Und schwanket in den Knieen,
Hat nur ein Hemdlein an.

Sie schwimmen auf den Wellen
Hinab in tiefer Ruh',
Da zittert sie, und wanket,
Feinsliebchen, frierest du?

Dein Hemdlein spielt im Winde,
Das Schifflein treibt so schnell,
Hüll' dich in meinen Mantel,
Die Nacht ist kühl und hell.

Stumm streckt sie nach den Bergen
Die weißen Arme aus,
Und lächelt, da der Vollmond
Aus Wolken blickt heraus.

Und nickt den alten Türmen,
Und will den Sternenschein
Mit ihren starren Händlein
Erfassen in dem Rhein.

O halte dich doch stille,
Herzallerliebstes Gut!
Dein Hemdlein spielt im Winde,
Und reißt dich in die Flut.

Da fliegen große Städte,
An ihrem Kahn vorbei,
Und in den Städten klingen
Wohl Glocken mancherlei.

Da kniet das Mägdlein nieder,
Und faltet seine Händ'
Aus sehen hellen Augen
Ein tiefes Feuer brennt.

Feinsliebchen bet' hübsch stille,
Schwank' nit so hin und her,
Der Kahn möcht' uns versinken,
Der Wirbel reißt so sehr.

In einem Nonnenkloster
Da singen Stimmen fein,
Und aus dem Kirchenfenster
Bricht her der Kerzenschein.

Da singt Feinslieb gar helle,
Die Metten in dem Kahn,
Und sieht dabei mit Tränen
Den Fischerknaben an.

Da singt der Knab' gar traurig
Die Metten in dem Kahn
Und sieht dazu Feinsliebchen
Mit stummen Blicken an.

Und rot und immer röter
Wird nun die tiefe Flut,
Und bleich und immer bleicher
Feinsliebchen werden tut.

Der Mond ist schon zerronnen
Kein Sternlein mehr zu sehn,
Und auch dem lieben Mägdlein
Die Augen schon vergehn.

Lieb Mägdlein, guten Morgen,
Lieb Mägdlein gute Nacht!
Warum willst du nun schlafen,
Da schon der Tag erwacht?

Die Türme blinken sonnig,
Es rauscht der grüne Wald,
Vor wildentbrannten Weisen,
Der Vogelsang erschallt.

Da will er sie erwecken,
Daß sie die Freude hör',
Er schaut zu ihr hinüber,
Und findet sie nicht mehr.

Ein Schwälblein strich vorüber,
Und netzte seine Brust,
Woher, wohin geflogen,
Das hat kein Mensch gewußt.

Der Knabe liegt im Kahne
Läßt alles Rudern sein,
Und treibet weiter, weiter
Bis in die See hinein.

Ich schwamm im Meeresschiffe
Aus fremder Welt einher,
Und dacht' an Lieb und Leben,
Und sehnte mich so sehr.

Ein Schwälblein flog vorüber,
Der Kahn schwamm still einher,
Der Fischer sang dies Liedchen,
Als ob ich's selber wär'.

»Auf dem Rhein« von Clemens Brentano

Dienstag, 7. Juli 2026

Gottfried Benn 70. Todestag


Gottfried Benn starb vor 70 Jahren am 7. Juli 1956 in Berlin.

Gottfried Benn war einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller und Dichter des 20. Jahrhunderts. Er gilt als Dichter der Moderne zwischen Nihilismus und Neuer Sachlichkeit sowie als unpolitischer Ästhet.

Der Mitbegründer des literarischen deutschen Expressionismus stellte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die herkömmliche Vorstellung von Lyrik radikal in Frage. Seine Darstellung der Banalität und Vergänglichkeit der menschlichen Existenz war eine echte Provokation.

Was kann der Dichter mit der Welt anfangen? - Der Dichter Benn hat mit seinem geistigen Expressionismus den kalten Hauch der Medizin und die kalte medizinische Terminologie in die Lyrik gebracht. Als angehender Pathologe und Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten veröffentlichte er 1912 seine erste Gedichtsammlung »Morgue« *.

Darin zeichnete er die Welt als "Krebsbaracke" und versetzte der Zivilisation vor dem Ersten Weltkrieg einen kräftigen Stoß.
Dieser Band wurde von der Avantgarde gefeiert, da er die herkömmliche Form der Lyrik inhaltllich und durch seinen Umgang mit der Sprache radikal in Frage stellte.

Seine schonungslos genauen Beschreibungen von Krankheit und Tod provozierten, aber sie faszinierten bei aller Kälte der Beobachtung durch die Form, die surreale Sprache mit ihrer Sogwirkung.

Die Gedichte dieser Sammlung hatten einen bestimmenden Einfluss auf die expressionistische deutsche Lyrik. Dies gilt auch für die Novellensammlung "Gehirne", die um den Arzt Dr. Rönne, ein Alter Ego Benns, kreisen. 1930 schrieb er zusammen mit dem Komponisten Paul Hindemith das Oratorium »Das Unaufhörliche«.

Benn traute allein der Dichtung, nicht zuletzt seiner eigenen, die Kraft der Erlösung zu - symptomatisch hierfür ist sein Diktum: "Am Anfang war das Wort und es wird auch am Ende sein." An ein persönliches Glück glaubte der Melancholiker Benn dagegen nicht, geschweige denn an einen Sinn der Geschichte.

Wie viele Dichter hatte auch Benn als unpolitischer Ästhet keine glückliche politische Haltung eingenommen.  Sein antibürgerliches und antikapitalistisches Ressentiment hat Benn dazu verleitet, einen autoritären Staat und sogar terroristische Gewalt zu bejahen. Benn war nicht nur ein stiller Sympathisant, sondern unterstützte vor allem durch Radio-Essays die Politik Hitlers tatkräftig.

NS-Zeit Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten dann der Sündenfall: Benn bejahte den neuen Staat und hielt Hitler für einen grossen Staatsmann. Der Dichter der Moderne diente sich den Nazis an und verhöhnte die Emigranten.

Benn ließ im Jahr 1933 zu einer uneinsichtigen Auffassung hinreißen und bereute es ein Jahr später bitter: Im "Dritten Reich" sah er zunächst den Aufbruch in ein Zeitalter, in dem sich endlich das Elementare wieder Bahn bricht. Benn war nicht nur ein stiller Sympathisant, sondern unterstützte vor allem durch Radio-Essays die Politik Hitlers tatkräftig.

Anders als Ernst Jünger, der sich 1933 allen nationalen Appellen in die Provinz entzog, meinte ausgerechnet der unpolitische Ästhet und Kassenarzt Gottfried Benn 1933 «die Geschichte» sprechen zu hören. »Halte dich nicht auf mit Widerlegungen und Worten, habe Mangel an Versöhnung, schließe die Tore, baue den Staat!«, trompetete er 1933 ins nationalsozialistische Horn. Überraschend für alle literarischen Zeitgenossen der Weimarer Zeit war der kalte Intellektualist Benn in die Fänge der warmen Volksgemeinschaft geraten.

Benn hatte sich in einer Rundfunkansprache im April 1933 für den neuen deutschen Staat ausgesprochen, zu dem es, nach dem Debakel der Weimarer Republik, keine politische Alternative gab.

Gottfried Benn. Genie und Barbar Mit seiner unkritischen Einstellung zum Nationalsozialismus diskredierte er seinen Ruf. Nach seinem politischen Fehltritt gab Benn, der eine militärärztliche Ausbildung erhalten hatte, 1935 seine private Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten auf und kehrte zur Armee zurück - für ihn war dies "die aristokratische Form der Emigration".

Nachdem Benn selber 1936 von den Nazis attackiert und später mit Schreibverbot belegt wurde, wandte er sich schon bald vom Nationalsozialismus ab und ging er in die innere Emigration. 1938 wurde Benn aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen und erhielt Schreibverbot.

Gottfried Benn Obwohl er sich schon bald vom Nationalsozialismus abwandte und diesen in Briefen kritisierte, ist der Vorwurf der politischen Blindheit für die Einschätzung seiner Bedeutung gravierend gewesen.

1945 kehrte der Arzt und Lyriker Benn nach Berlin zurück und begann wieder mit seiner Tätigkeit als Arzt. Seine Frau Herta hatte sich am 2. Juli auf der Flucht vor den eindringenden russischen Truppen das Leben genommen.

Seit dem Herbst 1948 durfte Benn wieder in Deutschland veröffentlichen. Zuerst erschien jedoch im Schweizer Arche-Verlag der Band »Statische Gedichte«. Der Verleger Max Niedermayer hatte die Druckerlaubnis in Deutschland erwirken können.

„Wenn man wie ich die letzten fünfzehn Jahre lang von den Nazis als Schwein, von den Kommunisten als Trottel, von den Demokraten als geistig Prostituierter, von den Emigranten als Überläufer, von den Religiösen als pathologischer Nihilist öffentlich bezeichnet wird, ist man nicht so scharf darauf, wieder in die Öffentlichkeit einzudringen..." (1949).

In den folgenden Jahren der frühen Bundesrepublik erlebte Benn einen rasanten Aufstieg. 1949 erschienen vier Bücher von Benn. Mit der Verleihung des Büchner-Preises 1951 fand seine Karriere ihren vorläufigen Höhepunkt.

Der dichtende Doktor Benn erlebte erst 1948 mit der in der Schweiz erschienene Gedichtsammlung »Statische Gedichte«, gefolgt von »Der Ptolemäer« (1949), den wirklichen Durchbruch. Die Gedichtsammlung »Statische Gedichte« begründete seinen späten Ruhm.

Im Literaturbetrieb der Adenauer-Zeit nahm Benn durch seine Publikationen eine Sonderstellung ein.

Gottfried Benn litt seit Beginn des Jahres 1956 sehr unter Schmerzen, deren Ursache jedoch erst kurz vor seinem Tod eindeutig festgestellt wurde (Knochenkrebs). Er starb nur wenige Wochen nach seinem 70. Geburtstag am 7. Juli 1956 in Berlin und liegt auf dem Waldfriedhof in Berlin-Dahlem begraben.

Gottfried Benn wurde am 2. Mai 1886 in Mansfeld in Brandenburg als Sohn eines evangelischen Pfarrers geboren.

* Morgue = Pariser Leichenschauhaus

Weblinks:

Gottfried Benn Gesellschaft - www.gottfriedbenn.de

Gottfried Benn - Der dichtende Doktor - www.stuttgarter-zeitung.de

Gottfried Benn - Kultiversum - www.kultiversum.de

Gottfried Benn-Biografie - Biografien-Portal www.die-biografien.de

Gottfried Benn-Zitate - Zitate-Portal www.die-zitate.de