Freitag, 19. Juli 2019

Gottfried Keller 200. Geburtstag


Gottfried Keller

Der schweizer Nationaldichter Gottfried Keller wurde vor 200 Jahren am 19. Juli 1819 in Zürich geboren. Keller war ein Schweizer Dichter und Politiker, der sein Leben als erfolgreicher Schriftsteller beschloss. Er gilt als ein großer Erzähler.

Keller wollte zuerst Maler werden, erkannte dann bei einem Studienaufenthalt in München seine dichterische Begabung. Nach seinem Aufenthalt in München kehrte er nach Zürich zurück, um sich ganz der Kunst des Dichtens hinzugeben. Er veröffentlichte erste Gedichte, nahm Anteil an den gesellschaftlichen Prozessen seiner Zeit (Vormärz) und veröffentlichte unter anderem auch die gesammelten Gedichte 1846.

1878 veröffentlichte Keller die Novellensammlung »Züricher Novellen« in zwei Bänden und 1884 »Das Sinngedicht«. Er schuf neben vielen Gedichten vorwiegend erzählende Werke, die sich durch Phantasie und Darstellungskunst, Humor und Menschenkenntnis und meisterhafte Sprache auszeichnen. Der mehrere Schaffensperioden des Autors umspannende »Seldwyler Zyklus« vereinigt in teils heiteren, teils tragischen Erzählungen die zentralen Motive von Kellers Prosa.

Zu seinen bekanntesten Werken gehören die Romane »Kleider machen Leute«, »Romeo und Julia auf dem Dorfe«, »Der grüne Heinrich«, »Die Leute von Seldwyla« und die Novellensammlung »Züricher Novellen«.

Seine Lyrik regte eine Vielzahl von Musikern zur Vertonung an, mit seinen Novellen »Romeo und Julia auf dem Dorfe« und »Kleider machen Leute« hat er Meisterwerke der deutschsprachigen Erzählkunst geschaffen. Schon zu seinen Lebzeiten galt er als einer der bedeutendsten Vertreter der Epoche des bürgerlichen Realismus.

Seine Novellensammlung »Die Leute von Seldwyla« beinhaltet zehn Erzählungen über die das Leben und die Eigenheiten der Leute in der Schweiz, mal tragisch, mal heiter, aber alle mit mehr oder weniger realem Hintergrund. Zeitlich sind die Geschichten zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert angesiedelt, sie bieten einen Einblick in die Verhaltens- und Denkweisen sowie in die Bräuche und Lebensweisen der damaligen Zeit.

Mit der Stadt Seldwyl erschuf der begnadete Erzähler sich einen eigenen Erzählkosmos. Die Stadt Seldwyl ist nicht real, auch wenn mehrere Städte in der Schweiz den Anspruch erhoben, der Autor hätte ihnen dieses literarische Denkmal gesetzt. Interessante Lebensgeschichten, brillianter Schreibstil - durch die mittlerweile teilweise veraltete Wortwahl und nicht mehr gebräuchliche Redewendungen ist das Lesen des Werkes allerdings etwas anstrengend.

Der schweizer Nationaldichter Gottfried Keller starb am 15. Juli 1890 in Zürich.

Weblinks:

Gottfried Keller-Biografie - Biografien-Portal www.die-biografien.de

Gottfried Keller-Zitate - Zitate-Portal www.die-zitate.de

Literatur:

Die Leute von Seldwyla
Die Leute von Seldwyla
von Gottfried Keller

Mittwoch, 17. Juli 2019

Andrea Camilleri gestorben


Andrea Camilleri ist tot. Der 93-Jährige starb am Mittwoch im Krankenhaus in Rom. Andrea Camilleri war ein erfolgreicher Drehbuchautor, Theater- und Fernsehregisseur und Schriftsteller und einer der meistgelesenen Autoren Italiens.

1942 begann der in Agrigent aufgewachsene Camilleri für Theater und Rundfunk als Regisseur zu arbeiten. Er machte sich damit verdient, Werke von August Strindberg, Samuel Beckett, Eugène Ionesco und T. S. Eliot in Italien einzuführen.

Bekannt geworden ist Andrea Camilleri, durch seine Bestsellerkrimis um den Commissario Montalbano. Er hat mehr als 100 Bücher geschrieben, schaffte aber erst mit fast 70 Jahren mit seinen "Montalbano"-Krimis den Durchbruch. Die Bücher wurden 1994 zuerst in Italien veröffentlicht und dann in 30 Sprachen übersetzt.

In seine Romanen ging es immer wieder um Korruption und Kriminalität. Doch sein Werk hat noch eine ganze Reihe anderer Facetten. In vielen weiteren Romanen und Erzählungen beeindruckt er seine Leser, erscheinen sie nun in historischem oder kriminalistischem Gewand.


Außerdem hat Camilleri Gedichte und Essays verfasst sowie als Regisseur und Universitätsdozent gearbeitet. Fast immer präsent ist dabei ein verbindendes Element: Camilleris Heimat Sizilien. Auch wenn er in Rom gelebt hat, ist der dreifache Vater seinen sizilianischen Wurzeln immer treu geblieben und holt sich die Inspiration für seine Werke immer wieder auch bei Spaziergängen durch seinen Geburtsort und Zweitwohnsitz Porto Empedocle.

Mit seiner Romanfigur Commsissrio Montalbano begeisterte er Millionen Leser weltweit. Der Commissario hat ihn ihn unsterblich gemacht. Italien ist um den Schöpfer des Commissario Montalbano ärmer geworden.

Andrea Camilleri wurde am 6. September 1925 in Porto Empedocle auf Sizilien geboren.

Weblink:

Andrea Camilleri gestorben - Erfinder des Commissario Mmontalban - www.nzz.ch/feuilleton

Literatur:

Mein Ein und Alles
Mein Ein und Alles
von Andrea Camilleri


Samstag, 13. Juli 2019

»Herz der Finsternis« von Joseph Conrad vor 120 Jahren erschienen

Herz der Finsternis

»Herz der Finsternis« von Joseph Conrad ist vor 120 Jahren im Jahr 1899 erschienen.

Der Abenteuerroman »Herz der Finsternis« von Joseph Conrad erzählt die Geschichte von Kapitän Marlowe, der sich auf die Suche nach dem rätselhaften und grausamen Elfenbeinhändler Kurtz ins dunkle Afrika aufmacht. Auf der nächtlich an der Themsemündung in Gravesend stillliegenden Seeyacht Nellie erzählt der ehemalige Seemann Marlow seinen vier Freunden, die das Band der See eint, eine Episode aus seinem Leben.

Er beschreibt seine Sehnsucht, die letzten weißen Flecken des Globus kennenzulernen, und wie sie nach einigen Mühen dazu führte, dass er Flusskapitän wurde. Der Leser kann unschwer erkennen, dass die Geschichte am Kongo zu Zeiten des Kongo-Freistaats spielt. Marlow, der den Indischen Ozean, den Pazifik, das Gelbe Meer bereits kennt, reist also entlang der Küste eines ihm unverständlichen Afrika zur Mündung des großen Stroms und übernimmt, flussaufwärts oberhalb der Stromschnellen, seinen Flussdampfer, der zwischenzeitlich auf Grund gelaufen und leckgeschlagen ist.

Dort, in der Hauptstation der Kolonialgesellschaft, die die Schätze der einzelnen Agenten im Dschungel sammelt und weiterverschickt, stellt er während der drei Monate, die er zur Reparatur des Schiffes benötigt, die „unerhörteste Schlamperei“ fest. Er stört sich auch daran, dass die Kolonialisten den Einheimischen ihre unsinnigen Regeln brutal aufzwängen.

Marlowe hört von Kurtz, dem erfolgreichen Leiter der äußersten Station, der „mehr Elfenbein gesammelt, eingetauscht, erschwindelt oder gestohlen hatte, als alle die anderen Agenten zusammen“, zugleich sich aber auch in Europa einen Namen gemacht hatte und „so reich begabt war und dass von allen seinen Gaben die vorherrschende, die, die sich unaufhörlich bestätigte, seine Rednergabe war, seine Worte – die Gabe des Ausdrucks, die verblüffende, erleuchtende …“.

Diesem Stationsleiter Kurtz, der sich bereits seit einem Jahr nicht mehr gemeldet hat – stattdessen schickte er seinen Gehilfen mit dem Elfenbein – gilt die 800 Meilen lange Fahrt flussaufwärts. Der Direktor der Station, eine Handvoll seiner weißen Gehilfen und etwa zwanzig Schwarze, die Marlow als Kannibalen bezeichnet, begeben sich auf die Reise.

Dort angekommen stößt der junge Mann auf ein groteskes Tollhaus der Kolonialisierung, unorganisierte Lager, skurrile Landsmänner, die nichts tun als Intrigen gegeneinander zu schmieden, unsinnige Arbeiten und vor allem auf leidende unterdrückte Eingeborene. Marlowe, ein rationaler, realistischer Mann reagiert darauf mit Unverständnis und Ironie.

Beeindruckt von der Größe, der Ursprünglichkeit und der Gewalt des Urwaldes macht er sich trotzdem auf in die Tiefen der Wildnis um den geheimnisvollen Kurtz zu finden, der sich hier sowohl mit seinem äußerst erfolgreichen Elfenbeinhandel, als auch mit seiner Abgeschiedenheit einen Namen gemacht hat. Doch was er findet ist ein Mensch, dem das Gefühl für Menschlichkeit abhanden gekommen ist.

Im Sterben des ehemaligen Stationsleiters scheint sich für diesen das ganze Leben zur Essenz zu verdichten, eine nie gesehene Abfolge von Zügen wechselt über sein Gesicht, bevor er seine letzten Worte haucht: „Das Grauen! Das Grauen!“ Nach dem Tode Kurtz’, der auf einer Flussinsel beerdigt wird, fällt auch Marlow in die schwere Krankheit auf der Schwelle zum Tod und kommt erst wieder im Land seiner Auftraggeber zu vollem Bewusstsein – er meint, die Stadt erinnere an ein weiß getünchtes Grab.

»Herz der Finsternis« berichtet von den teuflischen Schattenseiten der europäischen Zivilisation ebenso wie von den düsteren Untiefen der menschlichen Seele. In seinem suggestiven, symbolisch verdichteten Meisterwerk zeigt Joseph Conrad (1857–1924), welch geringen Widerstand die Kultur, jener Kern westlichen Selbstverständnisses, dem Absturz in die Barbarei entgegenzusetzen vermag.

Literatur:

Herz der Finsternis
»Herz der Finsternis«
von Joseph Conrad

Weblink:

Joseph Conrad-Biografie - www.die-biografien.de

Samstag, 6. Juli 2019

»Menu surprise: Der elfte Fall für Bruno, Chef de police« von Martin Walker

Martin Walker

Martin Walker, geboren 1947 in Schottland, ist Schriftsteller, Historiker und politischer Journalist. Er lebt in Washington und im Périgord und war 25 Jahre lang bei der britischen Tageszeitung »The Guardian« tätig.
Mit »Menu surprise« hat Martin Walker den elften Fall für Bruno, den örtlichen Chef de police, vorgelegt. Der Titel »Menu surprise ist eine Anspielgung an die vielfältige Küche und das kriminalistische Menue des Autors.

Im Jahr 1999 ließ Martin Walker sich mit seiner Familie in einem kleinen Ort im Périgord nieder. Dort spielen seine erfolgreichen Kriminalfälle rund um den Dorfpolizisten Bruno.

Bruno steht dieses Mal vor einer ungewohnten Herausforderung: Er soll in Pamelas Kochschule Feriengästen lokale Geheimrezepte beibringen. Die Messer sind gewetzt, die frischen Zutaten bereit, doch die prominenteste Kursteilnehmerin fehlt: die junge Frau eines britischen Geheimdienstoffiziers, die sich auf Empfehlung ihrer Familie im Périgord erholen wollte. Bruno spürt sie auf - in einem vermeintlichen Liebesnest, das jedoch bald zum Schauplatz eines Doppelmords wird.

Bruno erfährt, dass eine der Kurteilnehmerinnen von Pamelas Kochkurs vermisst wird. Der Dorfpolizist möchte bitte nachsehen, was da los ist. Diese harmlose Nachfrage weitet sich auf ernste Ermittlungen im Fall mit zwei Toten, die weite Kreise nach sich ziehen und Kompetenzen des einfachen Dorfpolizisten Bruno deutlich übersteigen.


Bei Martin Walker ist die Rezeptur in seinen Romanen fein verteilt. Im Roman fließt wenig Blut, es geschehen wenige Morde, dafür ein charaktervoller und genußfreudiger Dorfpolizist und dazwischen gibt es schöne Kochrezepte aus der französischen Küche, welche in diesem Roman besonders betont werden.

Seine - fast schon obligate - Hommage an die Kochkunst: Bruno teilt seine Geheimnisse in Sachen Kochen mit den Teilnehmern des Kochkurses und mit den Lesern. Der leidenschaftliche Koch kocht auch für seine Gäste.


"Bruno würde den Teilnehmern beibringen, wie pâté de foie gras zuzubereiten war und wie sich aus einer einzigen Ente fünf verschiedene Gerichte zaubern lassen. Als einer der anderen Kursleiter wollte der Baron zeigen, wie man einen Gänsehals füllt und was sonst noch in ein klassisches cassoulet nach Art des Périgord gehörte."


Isabell ist wieder die Frau seines Lebens bei Bruno, die Geschichte hält sich sehr im Rahmen. Viel Raum nimmt eine Nebengeschichte um die schwangere Rugbyspielerin, die in die Nationalmannschaft aufgenommen werden soll. Die Frage, ob sie ihre Schwangerschaft abbricht, um sportlich weiter zu kommen, beschäftigt Bruno, Fabiola, die Spielerin selbst und paar andere Figuren so ziemlich bis zum Schluss.

Der Geheimdienst ist dieses Mal durch die junge Frau eines britischen Geheimdienstoffiziers in den Fall involiert. Die Presse spielt eine eher negative Rolle, da sie einiges ausplappert, was so manche Figuren in Gefahr bringt.

Der vorliegende Fall des Kommissars erscheint an sich nicht so besonders, aber dadurch, dass die schöne, gemütliche Seite deutlich im Vordergrund steht, kann man das Geheimdienstgeplapper gut wegstecken.

Am Ende darf Bruno im mehr oder minder spektakulären Einsatz seine Beförderung nochmals unter Beweis stellen. Am Ende ist alles geklärt und die Motive sind freigelegt.

Wer gerne Kriminalromane liest, ein Gefühl für Südfrankreich und seine Lebensart entwickelt hat, dazu gerne kocht und nach guten Inspirationen für einfachen, schmackhaften Gerichten sucht, der ist mit den Krimis von Maritn Walker sehr gut bedient. - Voila, une Mene surprise. Bon appetit!

Literatur:

Menu surprise: Der elfte Fall für Bruno, Chef de police
Menu surprise: Der elfte Fall für Bruno, Chef de police
von Martin Walker

Weblink:

»Menu surprise« von Martin Walker - Youtube

Samstag, 29. Juni 2019

»Westend« von Martin Mosebach


»Westend« ist ein vor beinahe dreißig Jahren weitgehend unbeachtet erschienen Roman von Martin Mosebach, der jetzt neu zu entdecken ist. Ein fabelhaftes Epos über die Verwandlung einer städtischen Gesellschaft in den Aufbaujahren der Bundesrepublik und ein Hauptwerk Martin Mosebachs.

»Westend« spielt in dem in der Gründerzeit erbauten Frankfurter Stadtteil, der zwischen Palmengarten und der Alten Oper liegt. Es ist nicht das Westend der 68er, sondern das sich verändernde Wohnviertel der Nachkriegszeit. Milieu

Eduard Has sieht sich als Glückskind: Der Krieg hat seine Heimatstadt Frankfurt zwar gründlich zerstört, aber das eröffnet der eigenen Immobilienfirma ungeahnte Chancen. Seinen Erfolg adelt er mit einer stattlichen Sammlung des eben noch verfemten Expressionismus, neben die kühl-elegante Ehefrau tritt eine sinnliche Geliebte, die Tochter Lilly betet er an. Warum nur kann das Leben nicht ewig so weitergehen?


Im Geist der großen europäischen Gesellschaftsromane ist in »Westend« der eigentliche Gegenstand die Stadt Frankfurt mit ihren Bürgern aller Schichten. Eine ganze Epoche deutscher Nachkriegsgeschichte wird im Schicksal der Figuren lebendig: Spekulanten und Kunsthändler, Müllsammler, Hausmeister und Putzfrauen, die letzten Vertreter Altfrankfurter Bürgerlichkeit und ein jugendliches Liebespaar, das an den Sünden der Väter trägt und sie zu überwinden lernt. Ein fulminantes Epos über die Verwandlung einer städtischen Gesellschaft in den Aufbaujahren der Bundesrepublik.

So fließt auch jede Menge Lokalkolorit in den Roman. Man merkt, dass Mosebach hier über ein Milieu schreibt, das er genau kennt und liebt.

Literatur:

Westend
Westend
von Martin Mosebach

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Mittwoch, 26. Juni 2019

»Abend« von Ludwig Tieck

Wie ist es denn, daß trüb und schwer
So alles kommt, vorüberzieht,
Und wechselnd, quälend, immer leer,
Das arme Herz in sich verglüht?

Kaum gekommen
Soll ich scheiden,
Kaum entglommen
Löschen wieder
Alle Freuden
und der Leiden
Dunkle Wolke senkt sich nieder.

Aus den Lichtern in die Nacht,
Aus den Augen, die mir tagen,
Die mein ganzes Herz durchlacht,
Bin ich wieder allen Plagen,
Dem dürren Leben
Zurück gegeben.
Wie flücht'ge Augenblicke
Mein Glücke!
Wie lange, lange Dauer
Der Trennung, düstre schwere Trauer! –
Zurückzukehren
Und dich entbehren!

O als ich dich noch nicht gesehn,
Da durfte Sehnsucht bei mir sein,
Ein Hoffnungswind in meinen Wünschen wehn,
Die Zukunft war ein heller Schein:
Jetzt muss ich vom Erinnern kaufen,
Was ich kaum zerstreut empfand;
Wieder durch die wüsten Haufen,
Durch ein unbewohntes Land,
Soll ich irre, klagend, schweigen,
Und des Glückes goldne Streifen
Auch die letzten, abgewandt.
Noch fühl' ich deine Hand,
Noch wie im Traume deine Küsse,
Noch folgen mir die holden Blicke,
Und die Empfindung, daß ich alles misse,
Bleibt bei mir zurücke.

O Hoffen, Schmachten, Liebesleid und Sehnen,
Wie dürst' ich nach den süßen Tränen!
O tröste mich doch, eitles Wähnen,
So leer du bist, so tot, so nichtig!
Verlaßt ihr alle mich so flüchtig?

O Gegenwart, wie bist du schnell!
Vergangenheit, wie bist du klein!
O Zukunft, wie wirst du unendlich sein?
Unendlich wie am Himmelsbogen
Die Sterne in die ew'gen Räume steigen,
So fühl' ich Stunden, Tage, Monden hergezogen,
Und durch mein tiefstes Sein das trübe Schweigen,
Um mich ein unvergänglich Meer von schwarzen Wogen,
Und ach! kein grünes Ufer will sich zeigen!

Ludwig Tieck (1773 - 1853), deutscher Dichter, Dramatiker, Kritiker und Theoretiker der Romantik

Samstag, 22. Juni 2019

»West-östlicher Divan« von Johann Wolfgang Goethe

West-oestlicher Divan: Stuttgart 1819
West-oestlicher Divan: Stuttgart 1819


Der »West-östliche Divan« von Johann Wolfgang Goethe ist eine orientalische Gedichtsammlung und ein berühmter Lyrikzyklus. Die Erstfassung aus dem Jahr 1819 wurde von Joseph Kiermeier-Debre herausgegeben. Der »West-östliche Divan« erschien erstmals 1819 und im Jahr 1827 in einem erweiterten Umfang. Es ist Goethes umfangreichste Gedichtesammlung. Sie wurde durch die Werke des persischen Dichters Hafis inspiriert, der etwa von 1320 bis 1389 gelebt hat.

Der persische Dichter Hafis war ein erklärter Liebhaber der Sprache, und diesem Gedanken gab er im 14. Jahrhundert allegorische Gestalt: In seinem Diwan tritt die "Wortbraut" als mystische Verkörperung der Lyrik auf, um Gott, Wein und Liebe zu besingen:"Bräuten in der Locken Ranken,/ denen Schleier, leicht und licht, / Halb nur hüllen den Gedanken, / gleicht, o Hafis, dein Gedicht".

Die Noten und Abhandlungen zum besseren Verständnis seines West-östlichen Divans eröffnet Goethe mit den Worten: "Wer das Dichten will verstehen / Muß ins Land der Dichtung gehen; / Wer den Dichter will verstehen / Muß in Dichters Lande gehen."

Dieser wunderschöne Vierzeiler, den er dem prosaischen Teil des »Divan« vorausschickt, ist aber nicht nur für den Divan-Leser von Bedeutung, sondern auch für uns. Denn wenn wir verstehen wollen, an was sich die Orientbegeisterung Goethes manifestierte, wodurch sie sich bedingt und letztendlich in die Produktion eines seiner herausragendsten Werke mündete, muss der Mensch Goethe und natürlich die Zeit, in der er sich bewegt hat, ergründet werden.

Beflügelt von dem Toleranzgedanken der Aufklärung und wirkungsmächtigen Gestalten wie Voltaire, konzentrierte sich die Aufmerksamkeit Goethes zeitlebens auf die Kunst. Er begeisterte sich für die schönen Dinge im Leben – solche, die ihm Freude bereiteten, die ihn auf intellektuelle Reisen schicken konnten und seine Wissbegierde nährten.



Berauscht von der Lektüre des »Diwans« im Juni 1814 übernahm Johann Wolfgang von Goethe auch das romantische Bild von der "Wortbraut" und stellte es als gleichnishaftes Motto dem Buch Hafis seines West-Östlichen Divans (1819/1827) voran: "Sei das Wort die Braut genannt" - eine Hommage an den persischen "Zwilling", die der Weimarer Geheime Rat auch als Verpflichtung für das eigene Schreiben verstand.


Tatsächlich ist Goethe in seiner Auseinandersetzung mit Hafis ein überaus sinnliches Stück Weltliteratur gelungen, dessen Verfasser das gesamte Spektrum literarischer Möglichkeiten wie ein Bräutigam umgreifen will und in souveräner Beherrschung von alltäglicher und gehobener, euphorischer und ironischer Rede die "Lieb-, Lied- und Weinestrunkenheit" im Harem der Worte zu vermählen sucht.



Die orientalische Gedichtsammlung ist in zwölf Bücher eingeteilt. Ein Anteil der Gedichte geht auf Goethes Briefwechsel mit Marianne von Willemer (1784 – 1860) zurück, von der auch unmittelbar einige Gedichte des Divan stammen, zum Beispiel: ‚Sag ihm, aber sag's bescheiden: / Seine Liebe sei mein Leben! / Freudiges Gefühl von beiden / Wird mir seine Nähe geben.‘ (Buch 8) Anders als der Dichter Rudyard Kipling (‚Ost ist Ost, West ist West, sie werden nie zueinander kommen‘) begegnet Goethe dieser persischen Dichtung mit Gelassenheit: ‚Gottes ist der Orient! / Gottes ist der Occident! / Nord- und südliches Gelände / Ruht im Frieden seiner Hände!‘ (Buch 1).

Am deutlichsten wird diese quasi erotische Verbindung von Werk und Schöpfer im Buch Suleika, jenem autobiographisch an die 30jährige Marianne von Willemer gerichteten Meisterstück, das den Austausch mit der Geliebten zum leidenschaftlichen Dialog des 66jährigen Dichters auch mit der Sprache werden läßt: "Sich liebend aneinander zu laben / Wird Paradieses Wonne sein".

Daß Marianne - wie man inzwischen weiß - einige der schönsten Gedichte zum Buch Suleika beisteuerte, hebt das Zwiegespräch zwischen der jungen Suleika und dem greisen Hatem innerhalb der Sammlung auf ein neues, pikant-intimes Niveau.

"Den berauschendsten Lebensgenuß hat Goethe hier in Verse gebracht", schrieb Heinrich Heine 1836 in der Romantischen Schule, "und diese sind so leicht, so glücklich, so hingehaucht, so ätherisch, daß man sich wundert, wie dergleichen in der deutschen Sprache möglich war". Möglich war dieser unbeschreibliche Zauber des Divans nur als trunkene, raumzeitlich losgelöste Liebeserklärung des Dichters an die unendliche, Orient und Okzident, Geist und Humor, Jugend und Alter, Liebhaber und Geliebte in jeder Strophe neu vereinende Poesie.

Der Schwiegertochter Ottilie erläuterte Goethe am 21. Juni 1818 die Absicht seiner Dichtung: "Ihre Bestimmung ist es, uns von der Gegenwart abzulösen und uns für den Augenblick dem Gefühl nach in die grenzenlose Freiheit zu versetzen. Dies ist zu einer jeden Zeit wohltätig, besonders zu der unseren". Wenn dies mit einer derart lyrischen Virtuosität wie im West-Östlichen Divan gelingt, gilt dieser Auspruch bis heute.

Die orientalische Gedichtsammlung ist mehr als lyrische Spielerei, als tändelnde Liebelei, denn als kultureller Brückenschlag zu verstegen.


Literatur [ >> ]:

West-oestlicher Divan: Stuttgart 1819
West-oestlicher Divan: Stuttgart 1819
von Johann Wolfgang Goethe

Weblink:

Was den Dichter in die geistige Ferne trieb - Quantara.de